Mina Reischer: Der Glockenpeter

Das Haus, in dem ein Glücksspieler angetroffen wird, wird konfisziert.

Mir ist die Kehle vom Lügen trocken. Ich bin so durstig und matt, dass ich kaum sprechen kann. Das stete Kommen und Gehen in diesem Haus ertrage ich nur schlecht. 

Hört nur.

Die Charakterlosigkeit der Anderen hat auch mich zum Lügner gemacht.

Hört gut hin.

Mir fehlt es nicht an Seelensubstanz. Bloßen Beziehungen ohne Grund kann ich nichts abgewinnen. Bestimmte Zufälligkeiten, vor allem aber deren Zeitlichkeit und schmerzhafte Wiederholung haben aus einem Bächlein einen Fluss gemacht. 

Der Glockenpeter… Ding. Dong. Ding. Dong. Ding. Dong.

Jetzt saufe ich jeden Tag bis mir das Bier aus den Augen tritt. Wer mich kennenlernen will, der wird mich finden. Er muss bloß nach meinen traurigen Augenringen Ausschau halten. Wir schenken immer den Geschichten Glauben, die am widersinnigsten sind. 

Passt Du gut auf? Wachst Du über dieses Haus?

Ich frage Euch also: Was ist die Wahrheit?

Der Glockenpeter kennt die wesentlichen Grundsätze zur Bewertung von Geschicklichkeit. Er weiß von der Möglichkeit den Ausgang des Spiels durch Geschicklichkeit und nicht durch Zufall zu beeinflussen. Und doch hat er im nüchternen Zustand mit äußerstem Leichtsinn Haus und Hof verspielt. Und zuletzt sogar seine eigene Freiheit.

Ich weiß, dass Stehlen verboten ist. Das genügt mir. Ich passe auf. Sobald ich genug gestohlen habe, gehe ich nach Hause. Gott weiß wie viele unzählige Male ich so durchgekommen bin ohne einen Schaden zu nehmen. Aber jetzt passt mein Schlüssel hier nicht mehr. Er dreht sich nicht mehr um im Schloss. Ich werde allen erzählen es handle sich um ein verwunschenes Haus. Die Wahrheit würde ja doch keinen interessieren. Man wird sich dann erzählen: Von diesem Haus sind nur noch die Mauern stehen geblieben. Es wird keiner herirren, um sich vom Gegenteil zu überzeugen. Seit vorletzter Nacht habe ich hier kein Zimmer mehr. Jener alberne Tag liegt nun bereits zwei Tage zurück. Es sind die Tage, von den wir sagen: Sie gefallen uns nicht.

Man hört es laut und deutlich: Dies ist das Ticken der kommenden Zeit.

Ding. Dong.

Es stimmt doch: Jeder kann sehen, dass ich keine Zähne mehr habe, obwohl ich noch so jung bin. Manchmal habe ich Angst, dass Du Dich meinetwegen schämst.

Ding. Dong.

Das ist nicht wahr. Du hast wahrscheinlich kein gutes Herz und keinen lauteren Kopf, das kann gut sein. Aber ich will, dass Du mich auch ohne Zähne ein ganzes Leben lang küssen sollst.

Ding. Dong.

Überhaupt rede ich das Blaue vom Himmel herunter und Du unterbrichst mich nicht. Du musst mich öfter unterbrechen. Wenn ich mit Dir rede möchte ich alles, alles, alles aussprechen. Ich verliere jede Form.

Ding. Dong.

Nein, nein. Gibt es denn etwas Schöneres, wenn man voreinander keine Umstände macht, sondern offen und unverblümt handelt? Wir erleben den Sonnenauf- und -untergang nur, indem wir uns nach Osten und Westen wenden. Ich wende mich nach Dir und habe keine Angst vor dem Geschwätz der Leute. Rede mit mir, soviel Du willst.

Ding. Dong.

Töricht bist Du. Und dumm. Das Zimmer, das ich hier bewohne, gleicht einer Gefängniszelle. Ohne Fenster, fast wie ein Wandschrank. Aber es ist ein sehr gemütliches Zimmer. Was es so deprimierend macht ist allein die ständige Dunkelheit. Aber es ist auch der Ruhepol der sich drehenden Welt, dort wo der Tanz stattfindet. Die Nächte mit Dir waren schön, doch ich liebe Dich nicht. Auch als Zahnloser bleibe ich gefährlich. Du verkennst, dass ich keine Sonne bin. Aber die meisten Menschen erliegen mindestens einem Irrtum im Leben. Ich bin nicht der Adam, für den Du mich hältst.

Ding. Dong.

Gib mir den Zimmerschlüssel. Ich will Dich hier nie wieder sehen. Ich erwähne diese Zeit nicht mehr. Ich weiß nicht, wo ich mich befinde.

Lieben will er sie also nicht… Was sagt der Glockenpeter? Glockenpeter…

Sie ist eine Prinzessin in dieser Stadt. Sie gehört hier nicht her. Was in uns will eigentlich zur Wahrheit? Und warum nicht zur Unwahrheit oder zur Ungewissheit?

Es ist so rätselhaft.

Es sind die stillen Leute, die einander vertrauen.


Musik: Felix Foerster

Joe Wentrup: Gezockt!

8-Bit-Monster und monotone Melodien, Joints bis fünf Uhr morgens. Noch immer zerstörte sich das Spaceplane im letzten Level. Ein exzessiver Sommer in den 80ern war mein Zocker-Einstieg. Zocken hieß es allerdings erst Jahre später, als der Meurer (möge er in Frieden ruhen) im Kölner Unicenter sein Unwesen trieb. Seine tragbare Konsole quengelte bis ins Morgengrauen. Joints inclusive, für Meurer zumindest. Und endlich kam mein Spaceplane ins Ziel: Der Mensch lernt auch im Nichtstun. Dann herrschte jahrelange Zockerruhe, lässt man die erfolglosen Versuche sich in Spielkasinos zu bereichern, außer Acht (Meine beste Methode: so langsam verlieren, dass die gereichten Drinks und Snacks die Mühe wert sind). Schließlich kam mein Sohn ins Zockeralter. Obsessiv. Einmal stand seine Konsole auch bei mir, GTA inklusive: Auf die Fresse hauen, losfahren, Musik hören, von den Bullen erschossen werden, Neustart. Bei der sorglosen Spazierfahrt gönnte ich mir eine halbe Flasche Rum. Irgendwann kannte ich die Welt, vom Junkie-Hangout unterm Highway bis zum lichten, pumaverseuchten Hochgebirge. Sogar ein Spaceplane kam vorbeigeflogen. Ach wie schön kann Zocken ohne Ehrgeiz sein! Auch beim Black Jack: Im mobilen Sauerland-Casino meines Lieblingsmoslems (treffen wir uns am Tresen, gibt er mir ein Bier aus) und Ex-Karnevalsprinzen Sead machte ich den zweiten Platz, immerhin noch vor dem lokalen AfD-Rocker und David-Duke-Kumpel. Es gewann, mit viel Erfahrung und Gespür, ein Moslembruder des Betreibers. Am Ende hielten der Sieger, ich und David Dukes Kumpel stolz unsere Veltins-Fässchen in die Kamera und erschienen am nächsten Tag einträchtig auf der Lokalseite der Westfalenpost. So geht die Zeit dahin, verzockte Jahre im Spiegel der Provinz. Gerne würde ich malwieder als PacMan durch Raytracing-Landschaften reiten. Doch allein, der Geist ist unwillig, verbleibt vor Ort und lacht den Bildschirm aus. Ich trete ins Freie und blicke in den Himmel: Kein Spaceplane weit und breit.

Natalie Breininger: Lotterie für alleinstehende Frauen (Ü30)

Sponsored by Life & Facebook
(Ein Mini-Drama in drei Akten)

Besetzung:
a) 1 Frau, als szenischer Monolog
b) 1 Frau & Mann 1,2,3): b1) Frau trägt Text monologisch vor, Mann 1,2,3 sagt jeweils die direkte Rede darin auf/interagiert pantomimisch b2) #Los Nr.1/2/3 wird von Mann 1,2,3 in der Ich-Form, Epilog von Frau vorgetragen

Zusammenfassung / Prolog (aus dem Off): Jedes Los gewinnt! Und auch Sie, Gnädigste, können mit Ihrer Facebook-Teilnahme bei den attraktiven Männerpreisen doch gar nicht verlieren! Greifen Sie zu, Sie werden schließlich nicht immer 30 sein!

#Los Nr.1: Das erste Los, das ich auf Facebook zog, war ein  Koet¹ namens Verse Macher, der in der Hauptstadt lebte und recht bekannt für seine Reime war. Verse stürzte sich nach meiner Freundschaftsanfrage sogleich in einen Onlinedialog, den ich zunächst für Offenheit und Lust am kollegialen Austausch hielt. Verse genoss einen grandiosen Ruf, sah gut aus und kleidete sich mit einer Prise spitzbübischer Coolness, sagte kluge Dinge, wurde beim richtigen Verlag verlegt und saß an den richtigen Hebeln. Zunächst gab er mir nur ein paar literarische Tipps, führte ein paar unverbindliche Messengergespräche, fragte nach einem Treffen, nach einem Kaffee. Ich dachte: Endlich mal einer, der alle Tassen im Schrank hat, dem Literatur und Lyrik genauso viel bedeuten, wie mir, und der ebenso sexy wie anständig ist. Mr. Makellos eben.

Ins Wanken geriet dieser Eindruck, als mir ein befreundeter Maler erklärte, dass Mr. Makellos verheiratet war. Die Kinder stammten zwar aus einer früheren Ehe, aber eine aktuelle Gemahlin gab es nichtsdestotrotz. Sie war älter, jedoch auch deutlich schlanker, schöner und erfolgreicher in der Schreibwelt als ich. Der Hansel hatte also längst schon eine, der Literatur und Lyrik genauso viel bedeuteten, wie mir; ihm fehlte lediglich die Wichsvorlage für sein Glück. Seltsam daran war nur, dass die halbe Portion Brad Pitt es bei Jennifer Aniston statt Angelina Jolie suchte.

Eines Nachmittags zog Verse schließlich die Flirtzügel an und fragte mich per Messenger, welche Art von Mann mir denn zusagen würde, schmiedete mit mir Projektpläne kreativer Art und bot mir, als ich aufgrund eines neuen Jobs zur Wohnungssuche in die Hauptstadt fahren musste, ganz selbstlos an, ein paar Nächte in seinem Gästezimmer zu übernachten – wenn die Kinder nicht da wären. Dass sich Angelina Jolie indessen auf Geschäftsreise befand und im Allgemeinen auf mehrere Städte verteilt lebte, blieb unerwähnt. Ich lehnte ab.

Zwei Wochen später hatte Mr Makellos bereits vergessen, dass ich in die Hauptstadt gezogen war und tat bei einer Vernissage, der wir beide beiwohnten, so, als würde er mich nicht kennen.

Über eines wundere ich mich allerdings nich heute: Bei wem die Ehefrau sonst so als Kind mitverbucht wird.

#Los Nr.2: Schrift Steller bekam ich das erste Mal auf seiner Lesetour zu Gesicht, die ihn fern der Hauptstadt durch den Süden des Landes jagte. Er schaute zufällig beim Signieren eines seiner Bücher hoch, während die Freundinnen, die mich mitgebracht hatten, ein Autogramm von ihm wollten, und blieb mit dem Blick an mir hängen. Der Blick hatte etwas Schockiertes.

Im Laufe der nächsten Monate liefen wir uns immer wieder auf Buchmessen und Kulturveranstaltungen über den Weg, bis diese Aufeinandertreffsequenz darin mündete, dass wir beide in der gleichen Stadt wohnten. Da Schrift jedoch trotz seiner Bekanntheit als Kautor² eine gewisse Scheu mir gegenüber hegte, blieb es lange Zeit beim Anstarren und gemeinsamen Smalltalkrunden auf Events, in denen er seine Ehefrau, seine Kinder sowie sein gesamtes perfektes Leben vor den anderen zu betonen wusste.
Dennoch schwirrten ständig junge Frauen um ihn herum, die man getrost als Groupies bezeichnen könnte und deren Flirts er lächelnd ertrug, ohne darauf einzugehen. Immerhin wäre er glücklich verheiratet und interessiere sich nicht dafür – Literatur, darum, ausschließlich darum ginge es ihm, meinte er.

Ich dachte: Endlich mal einer, der alle Hormone im Schrank hat, dem Literatur und Lyrik genauso viel bedeuten wie mir und der nicht seine Ehefrau verschweigt. Mr. Makellos eben. Vielleicht ließe sich ja eine Freundschaft etablieren, wennschon die Fronten geklärt und wir auf Facebook bereits befreundet sind.

Kurz darauf zog ich aufgrund meines Jobwechsels in die Hauptstadt um. Am Wochenende vor meinem Umzug hatten wir uns nach einer seiner Lesungen auf ein Bier verabredet und setzten den Plan, nachdem mich Schrift per Messenger kontaktiert und seine Ankunft in der Hauptstadt im Rahmen eines Filmfestivals mitgeteilt hatte, zu meinem großen Erstaunen um.

Wit trafen uns in meinem Kiez, in einer Bar um die Ecke, die hell genug für den Nachmittag und dunkel genug für einen Drink war und blieben dort acht Stunden lang. Es gab Wein, gutes Essen und Diskussionen über Literatur, die zeitgenössische wie die retrospektive, Anekdoten aus unserer Jugend und Geschichten aus seinem Dasein als literarischer Star, der alles zu haben schien, was man(n) so braucht und alles zu sein; bis mir auffiel, wie knülle er war.

Plötzlich schob Schrift seine Hand über meine auf dem Tisch. Aphrodite hielt vor Schreckt den Atem an. Sie starrte nach links, starrte nach rechts, der Ehering an Schrifts Hand machte blink blink und er zwinker zwinker – sie erinnerte sich an seinen Sohn, dem sie einmal begegnet war und zog die Hand weg. Oh, schon so spät, wollen wir nicht langsam gehen, brummelte sie, er bezahlte.

Draußen, beim Entlanggehen der halbdunklen Straße, stellte sich jedoch heraus, dass er seinen letzten Zug verpasst hatte und den nächsten erst um vier oder fünf Uhr morgens nehmen könne. Also standen wir da, vor der U-Bahn-Station, und ich spürte, wie 100 Kilogramm knülle Kautorschaft gemächlich auf meinen Schultern stiegen. Ich bekam Migräne. Auf seine Frage, ob bei mir nicht zufällig eine Couch frei wäre, antwortete ich eloquent-diplomatisch mit: Nö. Schrift nahm es mir nicht übel. Er verabschiedete sich höflich und ging, zusammen mit unserer Freundschaft, dahin, in die Abgründe des unterirdischen Verkehrslebens.

Über eines wundere ich mich allerdings noch heute: Wie es ist, eine literarisch versierte Alkoholleiche zu vögeln.

#Los Nr.3: Das dritte Lotterielos brauchte auf Facebook über ein Jahr, um sich zu rühren. Vielleicht lag es daran, dass er nicht Literat, sondern Pusiker³ war und das gesprochene Wort bis dahin nur stumm zu begleiten wusste. Nach meinem Umzug fasste Bam Bam jedoch Mut und lud mich zu einem seiner Konzerte in der Hauptstadt ein. Ich hielt mich zuerst bedeckt.
In den nächsten Tagen plauderten wir aber so locker und entspannt auf Facebook, dass ich dachte… Sie wissen schon… Endlich mal einer, der alle Noten im Schrank hat, dem Sprache und Musik genauso viel bedeuten, wie mir, und der seine Frau nicht hintergeht, weil er gar keine hat. Mr. Makellos eben. Ich sagte zu.

Am nächsten Morgen fragte mich Bam Bam voller Vorfreude im Messenger, ob wir schon soweit wären. Soweit wofür, erkundigte ich mich verwirrt. Er käme doch ursprünglich aus einer anderen Stadt und bräuchte eine Übernachtung, erklärte er, ob ich infrage käme.

Ich schloss die Augen: Ein ausgewachsener Mann, den ich noch nie in meinem Leben getroffen hatte, würde nach seinem Konzert, bei dem ich ihm die ganzen Abend zujubeln müsste, mich anschließend als Bed and Breakfast nutzen. Nein, nein, nein, nein, nein. Ich lehnte ab.

Über eines wundere ich mich allerdings noch heute: Ob er es wirklich so gut krachen lässt, wie behauptet.

#Epilog: Eine Woche später gab ich die Männer auf und bestellte mir im Onlineshop den ersten Vibrator meines Lebens. No fuss, no muss, dachte ich, als ich ihn auspackte: Endlich mal einer, dem good vibrations genauso wichtig sind, wie mir. Mr. Makellos eben. Ich schaltete ihn an. Mr. Makellos war defekt.

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¹(Koet ist ein Kompositum aus den Substantiven Kot und Poet.)
²(Kautor ist ein Kompositum aus dem Verb[wider]kauen und dem Substantiv Autor.)
³(Pusiker ist ein Kompositum aus den Substantiven Pussy und Musiker.)


Sprecher*innen: Lily Schuster
Luca Ochmonek

Regie, Schnitt: Lukas Münich

Daphne Elfenbein: Casino

„Du gehst heute Abend nicht da hin!“ Sie haute die Faust auf den Tisch, dass die Weihnachtsdeko hüpfte. „Oder ich verlass dich!“ Es war still. Gleich würde eine Tür schlagen. Er stand in der offenen Badezimmertür und füllte ein Glas mit Wasser. Sie saß am Küchentresen. Er kramte im Spiegelschrank, warf sich ein paar Aspirin ein, kippte das Wasser runter und zog seinen Mantel an. „Du siehst aus wie ein Penner“, sagte sie. „Danke, das ist charmant von dir, sagte er leichthin, „ich geh heute zum letzten Mal, Liebes, glaub mir“. Er kratzte sich die Bartstoppeln, strich seiner Frau zerstreut über den Kopf, worauf sie in haltlosem Schluchzen über dem Tisch zusammensank. Dann drückte er sanft die Tür ins Schloss und atmete auf. 

In Erwartung eines sicheren Hochgefühls schwebte er durch die Straßen mit seinem Leihwagen. Den eigenen hatte er verloren in jener denkwürdigen Pechsträhne letztes Jahr. Doch da war er noch ein blutiger Anfänger gewesen. Das würde er heute wettmachen… heute Abend… Und morgen hör ich auf damit! Susanne zuliebe! Eine Welle von Rechtschaffenheit und Wohlbehagen schwemmte sein schlechtes Gewissen weg. Alles wird gut. Die Ampel sprang auf grün. 

Der Wagen hielt vor dem Casino. Er hielt sein pochendes Herz, als die Türsteher ihren Stammkunden flüchtig nach Waffen abtasteten. Dann trat er ein in die Räume, die schon immer sein ureigenstes Element waren. Warmes Licht umfing ihn, Parfums und leichte Musik, da waren Frauen mit nackten Schultern und alte Damen mit kleinen weißen Hündchen auf dem Arm, Behandschuhte Schönheiten hielten lange spitze Zigaretten und befrackte Herren bedienten sich einer gewählten Sprache. Die Roulettescheiben klepperten wie die Uhrwerke Gottes. Die Croupiers murmelten Zauberformeln. Die Kronleuchter glänzten. HOME!! 

In der einen Hand hielt sie eine Rasierklinge, in der anderen Hand das Telefon. Auf ihrem Schoß lag ein Handtuch, in das Rotz und Wasser flossen. Am Telefon Christine, die beruhigend auf sie einsprach. Die Dialoge kennt man. Sie werden hier nicht wiederholt. Es wurde spät. Und ein paar Baileys halfen über den Schmerz hinweg. Am nächsten Morgen, an dem sie allein erwachte, sah Susanne ihrerseits wie eine Pennerin aus. Rot geschwollene Augen glotzten ihr aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Es war noch Aspirin da. Sie öffnete die Behördenpost der letzten Wochen und nahm all ihren Mut zusammen um hin zu schauen. Da war was von der Arbeitsagentur, vom Inkassobüro, von der Hausverwaltung…

Gegen 11 Uhr vormittags ging die Türglocke. Sie öffnete. Da stand ein Fremder, der einmal Frank gewesen war. Er grinste blöde aus übernächtigtem Gesicht und hatte ein albernes weißes Hündchen auf dem Arm. „Ich hab gewonnen!“ rief er und hielt ihr ein Bündel Geldscheine entgegen, die irgendwie falsch aussahen. Sie glotzte müde auf die Erscheinung und machte keine Anstalten, ihn hereinzulassen. „Spitz hat mir geholfen“, er deutete auf den Hund in seinem Arm und stellte einen Fuß in die Tür. Der Hund sprang runter und lief in die Wohnung, als gehöre sie ihm. Frank krähte künstlich fröhlich wie zu sich selbst: „erst hab ich Spitz gewonnen, dann hat Spitz gewonnen!“ Er drängte sich an ihr vorbei in die dunkle, unaufgeräumte Wohnung, die schon Jahre keinen Besuch mehr empfangen hatte. Sie folgte ihm schleppend in ihrem Bademantel. 

„Und heute Abend gehen wir wieder hin…, rief er aus dem Badezimmer, wo er den Wasserhahn aufdrehte, „Spitz und ich!“ Susanne holte den Koffer vom Schrank, packte als erstes ihre Weihnachtsdeko vom Küchentresen ein, und wählte die Nummer von Christine. Der Hund hockte vor der Badezimmertür.

Robert Alan: Zocken

Ich lad mir jetzt Tinder und zieh nach Berlin, sagte er mit schweren Augenlidern an der Bar. Ein paar Jahre später sah ich ihn mit Kind und Kegel vor einer Eisdiele im Nachbarort sitzen. Er schien so dermaßen glücklich, dass ich mich nicht getraut hab, hallo zu sagen. Natürlich hat man ihn nie in Berlin gesehen und für’s Tindern fehlte ihm die Romantik. Aber manchmal muss man fürs große Glück auch einfach nur im Lotto gewinnen.

Christine Wiesel: Fritz, der Glücksspieler

Schlappernd mit Hundeblick
eingenässt und verkotet
vegetiert er der Fritz.

Er lebt noch, was denkt er?
Hat er jeweils etwas gedacht?
Oder nur alle benutzt und ausgebeutet?

Olga gebar den Manfred,
entstanden irgendwann durch den Herrn Papa,
lange vor meiner Zeit und lange nicht gewahr.

Was war ihm wichtig?
Hat er einmal jemanden richtig geliebt?
Alles nicht klar.
Die Partnerinnen waren z. Teil einfach so
fabelhaft und gingen an ihm zugrunde oder fast.

Die soziale Frage brachte selbst mich um den Verstand.
Am Lebensende hat es auch mich erreicht
und ich sehe die geöffnete Hand.