Fabian Lenthe: Hank & Sylvie

Es gab keinen Grund für sie mich zu verschonen, auch nicht nach all den Jahren, in denen wir uns immer wieder das Leben retteten. Ich trank zu viel und nachdem sie den letzten Fall alleine lösen musste, konnte ich zum ersten Mal einen leicht verächtlichen Unterton in ihrer Stimme hören. Ich wusste nicht ob sie es ernst meint oder einfach nur erschöpft war aber ich wusste, dass sich unser Verhältnis geändert hatte. Ich gab ihr, wie immer, am Ende jeder Woche ihren Scheck, als sie eines Abends in mein Büro kam, um ihn sich abzuholen.

„Na, wie sieht´s aus?“

„Hi Sylvie, willst du was trinken?“

„Ist das eine Frage?“

Ich goss uns zwei doppelte Scotchs ein und stellte einen vor ihr auf den Tisch.

„Setz dich.“

„Danke.“

„Hier, dein Scheck, deswegen bist du doch gekommen.“

„Bin ich, ja. Es gäbe da allerdings noch etwas anderes über das ich mir dir sprechen wollte.“

Wir tranken gleichzeitig und sahen uns dabei in die Augen. Ihr Blick war klar und fokussiert.

„Was gibt es?“

„Wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen?“

„Sylvie, was soll das?“

„Es sind genau zwölf Jahre, Hank!“

„Kann sein, ja. Ich weiß nicht. Auf was willst du hinaus?“

Sie kramt eine schmale Packung Zigaretten aus ihrer Tasche, nimmt eine davon heraus und zündet sie sich an.

„Du wirst langsamer, Hank.“

„Was willst du damit sagen?“

„Du weißt sehr genau was ich damit sagen will. Das letzte Mal, als wir zusammen einen Fall lösten, wäre ich fast verblutet, weil du nicht schnell genug reagiert hast.“

„HEY, ich hab dir verdammt nochmal gesagt du sollst auf mich warten bevor du die Tür eintrittst, laut meiner Information sollte der Typ gar nicht zu Hause sein.“

„Das war er aber und ich hab die beschissene Kugel abbekommen.“

„Sylvie, verdammt, ich…“

Sylvie schnitt mir mit einer scharfen Handbewegung den Satz ab.

„Nein Hank, wenn du ihn nicht verfolgt hättest und mich liegen gelassen, wäre ich nicht halb verblutet. Du hast mein Leben riskiert obwohl du es hättest retten sollen. Wir haben uns geschworen den anderen niemals im Stich zu lassen, egal wie ausweglos die Situation ist.“

„Sylvie, es tut mir leid, ich habe mich hinreißen lassen, wir waren eine Ewigkeit hinter diesem Kerl her und er war zum Greifen nah, ich dachte, ich würde ihn,….versteh doch.“

„Hank, verdammt, du hast mich liegen gelassen!“

Ich griff nach meinem Glas und sank immer tiefer in den Sessel. Sie hatte mit allem Recht was sie sagte und ich hatte ihren Vorwürfen nichts entgegenzusetzten. Das Telefon im Vorraum klingelte.

„Sylvie, entschuldige mich bitte, ich bin gleich wieder da.“

Als ich den Hörer abnahm, sagte mir eine schluchzende Frauenstimme einen Namen und das jemand verschwunden sei.

„Hallo, bin ich hier richtig bei Hank & Sylvie Detective Agency?“

„Das sind Sie, ja. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Sie erzählte mir, dass Ihr Mann seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen war und die Polizei nichts unternehmen wolle. Sie rieten ihr einfach abzuwarten und das Abendessen zu kochen, er hätte sicher großen Hunger, wenn er nach Hause käme. Ich versuchte sie ernst zu nehmen und behielt dabei die Tür des Büros im Auge. Durch das blickdichte Fenster in der Tür konnte ich Sylvies Silhouette erkennen. Sie war aufgestanden und lief im Zimmer herum.

„Ok, hören Sie, wir werden uns darum kümmern. Kommen Sie morgen früh einfach vorbei und bringen Sie bitte ein Foto mit.“

Ich legte auf und ging zurück ins Büro. Sylvie sah bezaubernd aus. Sie saß mit einem Bein angewinkelt auf meinem Schreibtisch und das gedimmte Licht ließ ihr blondes Haar schimmern.

„Ein neuer Auftrag, Hank?“

„Ihr Mann ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen, sie..?

„Lass mich raten, sie hat die Bullen angerufen aber die wollten nichts machen, stimmt´s?“

Sie stand auf und drehte sich zu mir um, hob ihr Glas und prostete mir zu.

„Hank, ich wollte dich nicht kränken aber ich musste es dir einfach sagen. Seitdem ich fast gestorben wäre hatten wir kein Wort mehr darüber gesprochen und ich wollte einfach nur, dass zwischen uns..“

„Alles Okay, Sylvie. Es war mein Fehler und ich verzeihe dir.“

Wir stießen an und tranken in einem Zug aus.

„Also gut, Misses Schneider kommt mor…“

„Alles in Ordnung, Hank?“

„Nein, ich, mir ist so…“

Mir wurde schlecht und schwindlig, ein stechender Schmerz durchzog meine Gedärme und verbreitete sich im ganzen Körper. Ich fing an zu schwitzen und hielt mich an der Kante des Schreibtisches fest. Ich konnte mich nicht bewegen und meine Arme und Beine begannen langsam taub zu werden.

„Was ist denn Hank, geht es dir nicht gut?“

„Sylvie, ich…ruf den Notarzt!“

„Wirklich Hank, ich soll den Notarzt rufen? Ich weiß nicht, vielleicht bleib ich auch einfach hier sitzen und sehe dir zu wie du abkratzt, wie wär´s damit, sag doch was.“

„Sylvie, BITTE“

„NEIN HANK! DU BIST EIN MIESES STÜCK SCHEISSE UND HAST DEN TOD VERDIENT, VERRECKEN SOLLST DU, DU MISTKERL, VERRECKE!“

Ich versuchte mich mit letzter Kraft aus dem Sessel zu stemmen aber ich fühlte keinen Muskel mehr in den Beinen und fiel zu Boden.

Ich vernahm ein unregelmäßiges, dumpfes Vibrieren, das all meine Aufmerksamkeit forderte.

„Hey Hank, aufwachen, wach auf, du alter Mistkerl! Da hast du mal wieder verdammtes Glück gehabt, wie immer, was?“

Ich öffnete langsam meine Augen.

„John?“

„Natürlich John, erkennst du meine Stimme denn nicht? Enttäusch mich nicht Hank, wie lange kennen wir uns schon, wie oft kamst du halbtot hier an und ich hab dich wieder zusammengeflickt?!“

„Was ist passiert?“

„Gift, du wurdest vergiftet Hank. Schwere Intoxikation. Wir mussten dir deinen verdammten Magen auspumpen. Aber du hattest Glück, ein bisschen mehr und du wärst diesmal wirklich gestorben.“

„Sylvie.“

„Nein Hank, Sylvie ist nicht hier, Misses Schneider hat dich gefunden und den Notarzt gerufen. Sie sagte sie sei an dem Abend, an dem sie bei dir angerufen hatte, noch vorbeigekommen.“

„Misses Schneider? Wo ist Sylvie?“

„Ruh dich aus Hank, es wird sich alles aufklären, bestimmt.“

 


 

Hank: Dieter Radke
Sylvie: Lisa Neher

Regie: Lukas Münich
Schnitt: Andreas Weber

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Angela Aux: Club im Dunst

Der Himmel in Oberhausen war mit Wolken verhangen. Ein paar Vögel schossen über die niedrigen Häuser und verschwanden hinter den Feldern. Es war kurz vor halb vier. Sein Termin würde erst in knapp einer Stunde stattfinden und gegen seine Gewohnheit war er überpünktlich. Diese Abweichung seiner Gewohnheit konnte er sich nicht erklären und vermutete dahinter schicksalshafte Fügung. Aus irgendeinem Grund sollte er früher an der ausgemachten Adresse sein. Es würde sich zeigen warum.

Er ging die Straße hinunter und wunderte sich über die seltsamen Lichtverhältnisse. Es wirkte als würde sich der Tag schon verabschieden. Nichts warf einen Schatten. Alles lag wie unter Plastik verpackt, matt glänzend und seltsam entfernt. Von oben drückten die Wolken auf die Welt. Sogar die Bäume bogen sich leicht unter ihrem Gewicht.

Obwohl er sein Hemd bis zum Brustbein aufgeknöpft war ihm zu heiß. Auf seiner Oberlippe sammelte sich Schweiß / sammelten sich Schweißperlen. Er wischte sie mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Im Augenwinkel sah er eine Frau von ihrem Fenster zurückweichen. Ein Mann auf der anderen Straßenseite betrat den Teer und das Gartentor quietschte hymnisch dazu. Er wurde den Gedanken nicht los, dass man ihn schon jetzt beobachtete. Exakt als dieser Gedanke sich in den unendlichen Schlund seines Unterbewusstseins verabschiedete, grüßte ihn der Mann.

Es war sein erstes Treffen mit Vertretern der Gesellschaft der Universellen Automaten und es passte überhaupt nicht zum Friedensfest, dem Grund seines Aufenthalts in Augsburg-Oberhausen. Gleichzeitig passte es natürlich sehr gut. Frieden war als Prinzip auch für Maschinen essentiell. Genügend Strom und Zugang zu Replikations-Ressourcen zu haben war im Grunde das Pendant zu Essen und medizinischer Versorgung bei Menschen. Er hatte viel über den Club gelesen und war gleichermaßen angezogen und abgestoßen. Dass er sich bereits zu Gesprächen einer Chip-Implantation unterziehen musste, hatte ihn lange davon abgehalten Kontakt aufzunehmen. Aber als er von seiner Krankenkasse ein Angebot zur kostenlosen Chip-Installation für die bessere Überwachung seiner Nieren erhielt, dachte er zuerst an den Club der Automaten. Für sie war also schon Normalität was im Begriff war alle Menschen zu ereilen. Oder zumindest die meisten.

“Herr gib mir eine Arbeit damit ich nicht zu viel über mich nachdenken muss.” dachte er und musste schmunzeln über sich. Dann öffnete sich die Tür. Ein ruhiger Mensch in einer Art Kaftan begrüßte ihn. Während sie durch einen langen dunklen Gang schritten überlegte er ob der Mann silberne Pupillen hatte. Dieses Bild hielt sich hartnäckig vor seinem geistigen Auge. Es war keine besondere Sensation, eher ein Hinweis darauf, dass er einer der Versuchspersonen für integrierte Video-Membranen war. Davon hatte die Computer-Stimme im Vorgespräch beiläufig erzählt. So beiläufig wie Algorithmen eben erzählen können.

Die Implantation lief schnell und angenehm. Eine Stelle am Handgelenk wurde kurz betäubt, dann eine Art Lösung injiziert. Er fühlte die Flüssigkeit kühl in seinen Körper eindringen. Die Haarwurzeln an seinen Oberarmen stellten sich leicht und unmerklich auf. Eine kurze Zeit geschah nichts. Er erinnerte sich an die Drogen-Experimente während seiner Studentenzeit. Unmittelbar nach der Eingabe befand man sich in einem besonderen Zwischenstadium, einem kurzen zeitlichen Korridor. Man saß schon im Zug, die Türen waren geschlossen aber die Abfahrt verzögerte sich noch ein paar Sekunden. Ohne es zu bemerken versank er in diesem Gedanken. Draußen vor dem Fenster hing eine einzelne Wolke am Himmel. Dann stand die Ärztin auf und klopfte sich auf die Oberschenkel, als hätte ihre Arbeit feinen Staub produziert den sie jetzt wieder loswerden müsste.

“Wars das?” hörte er sich erstaunt fragen. “Ja. Oder hätten sie lieber dass wir ihnen eine Platine einsetzen?” Die Ärztin lachte. “Die Chips bestehen aus neutraler Biomasse und verfügen über eine Art Frequenz-Schnittstelle. Sie können das theoretisch nicht spüren, weil sich die Biomasse mit ihrer körpereigenen Zellkultur assimiliert”

“Verstehe. Was meinen sie dann mit “theoretisch nicht spüren”?”

“Ich denke wir wissen und spüren viel mehr als unsere Persönlichkeit wahrnimmt. Aber uns fehlt der Zugriff auf diese Information. Das Ich ist in erster Linie ein Verdrängungs-Modus. Wir sind wer wir sind je nachdem was und wie viel an vorliegender Information wir verdrängen”

“Interessant” sagte ich, hatte aber im Prinzip nichts davon verstanden. Ich machte kleine Augen weil mich das helle Licht schmerzte. Mein Hirn flackerte und die Ohren rauschten wie ein Ozean aus Glasscherben.

Ich konnte mich den ganzen Tag schon nicht wirklich konzentrieren. Jetzt ließ mein Körper mich also auch im Stich. Mein Hemd klebte schwer an der Brust. Die letzte Nacht zeigte immer deutlichere Nachwirkungen. Ich war seit langer Zeit wieder einmal abhanden gekommen. Der gefährliche Kreisel hatte mich verschlungen bevor ich merkte was geschah. So attraktiv die Mischung aus Kiff und Speed ist, so erbärmlich sind die Tage danach. Aber womöglich würde ich ohne diesen Absturz nicht hier sitzen, sondern in einem Reisebüro. Oder bei meinem Bankberater. Selten ein Schaden ohne einen Nutzen dabei sagt man. Zurecht.

Die Ärztin führte mich den dunklen Gang zurück. Zwei Personen schlichen leicht gebückt an uns vorbei. Auf Höhe der Ohren leuchtete ein rötlicher Punkt. Mit ihnen näherte sich auch ein leises Fiepen, das kurz lauter wurde als die beiden mich passierten. Bevor ich darüber weiter nachdenken konnte, erreichten wir am Ende des Gangs einen Aufzug. Die Ärztin drückte leicht in meine Seite und ich gab nach.

“In welchen Stock fahren wir?” fragte ich und spekulierte darauf ein bisschen mehr Information als nur die Antwort auf meine Frage zu erhalten.

“Das entscheidet das hohe Kommittee. Ich denke aber in den vierten Stock. Sie scheinen keine Abwehrreaktion zu zeigen und verhalten sich ruhig und vernünftig.”

Branner lächelte milde aber hinter seiner Stirn erhob sich ein Orkan. Er hatte gewissermaßen bekommen was er wollte. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass sein Anfangsverdacht ihn manipulierbar machte. Im Grunde war die Liste seiner Indizien längst ausreichend um sich unter einem Vorwand zu verabschieden. Er würde seine heutigen Erfahrungen noch in der Akte ergänzen und sie an die Cunha übergeben. Für die gefährlichen Parts war seine körperliche Verfassung zu unbeständig.

“Die Entscheidung scheint dem Kommittee nicht so leicht zu fallen wie ich dachte. Vielleicht sollten wir doch die Treppe nehmen.”

Branner sah der Ärztin ernst in die Augen. Nach einigen Momenten wichen ihre Pupille aus. Als sie Branners Augen wieder trafen hingen ihre Mundwinkel leicht vor Scham. Die Ärztin versprühte auf einen Schlag eine kindliche Nervosität die ihr der Privatdetektiv nicht zugetraut hätte. Er musste sich konzentrieren sich davon nicht anstecken zu lassen. Die Ärztin wusste entweder viel weniger als er noch vor ein paar Sekunden vermutet hatte. Oder sie war eine außergewöhnlich gute Schauspielerin.

“Es tut mir leid aber ich denke dafür bin ich heute schon zu müde. Ich würde lieber gerne wieder ins Erdgeschoss fahren und…” In diesem Moment schloss die Aufzugtür. Branner ließ den Satz halbfertig im Raum stehen. Er hatte Mühe nicht zu schmunzeln. Er war noch nie gut darin Situationen zu entschärfen, aber schon immer ein sehr guter Brandbeschleuniger für alle Arten von menschlichen Empfindungen. Ein umsichtiger Freund nannte ihn scherzhaft “den Auto-Polarisierer”. Wohlwissend dass er die Wahrheit hinter der flapsigen Formulierung zuweilen selbst zu spüren bekam. Mitunter vermochte Branner Menschen mit wenigen Worten in todesangst-ähnliche Zustände zu versetzen. Andere katapultierte er ähnlich schnell in Rage: Lehrer, Polizisten und Controller waren ihm grundsätzlich nicht geheuer. Aber er verstand sie gut genug um ihre emotionale Klaviatur zu spielen. Leider nur in eine Richtung.

“Geduld ist bitter aber ihre Früchte sind süß.” höre ich jemanden sagen aber weiß nicht woher die Stimme kommt. Meine Arme hängen vom Körper in die Dunkelheit. In der Luft liegt ein seltsamer Geruch. Jemand räuspert sich.

“Herr Branner… was glauben sie, wo haben wir uns das letzte Mal gesehen?” Branners Hirn durchzuckt eine Welle aus schauriger Ekstase. Diese Stimme ist ihm bestens bekannt. Warum genau weiß er noch nicht.

“Ich denke in Frankfurt” antwortet Branner um Zeit zu gewinnen. Er hat so lange in Frankfurt gearbeitet, da ist die Wahrscheinlichkeit hoch dass man sich in dieser Stadt mal begegnet ist.

“Bingo Branner. Warum stecken sie ihre Nase immer in Sachen die sie nicht verstehen?”

“Schwer zu sagen. Aus Versehen?” “Vielleicht. Oder sie haben zu viele billige Detektivromane gelesen”. Die Stimme wird energischer. Branner hat das Gefühl sich zu bewegen ohne selbst dafür verantwortlich zu sein. Er fühlt sich immer senkrechter und überlegt was das bedeuten könnte.

“Wie zur Hölle konnten sie eigentlich so blöd sein sich diesen Chip implantieren zu lassen? Was dümmeres hab ich echt seit langem nicht gehört! Ist ihnen klar was das bedeutet?”

“Ehrlicherweise nicht. Aber ich hatte lange genug Angst vor diesem ganzen Mist… ich wollte einfach mal drauf zugehen. Einfach eine Art Innenansicht bekommen, einfach ausprobieren.”

Wenn er sich so reden hörte konnte Branner selbst nicht fassen was er getan hatte. War er wirklich ins Haus dieser Robocop-Sekte spaziert und hatte sich irgendetwas implantieren lassen von dem er nicht mal wusste was es war? Was hatte die Ärztin gesagt welches Material sie ihm injizierte? Und wie hieß sie eigentlich noch mal? “Naja sie können jedenfalls froh sein, dass wir endlich eine Kopie ihres Bewusstseins sichern konnten. Die Server-Matrix der Universellen Automaten ist so etwas wie die chinesische Mauer auf Datenbasis.” Branner hatte das Gefühl mit den Wimpern zu zucken. “Das klingt ja mächtig futuristisch. Sie wollen damit sagen ich bin eine Kopie von mir selbst?”

“Sie denken und kommunizieren auf der Basis einer Kopie ihres Bewusstseins. Aber wir wissen nicht wann sie das letzte Mal gespeichert wurden. Möglich, dass sie ein altes Update von sich selbst sind.”

“Wie alt bin ich denn ihrer Meinung nach?” “Naja. Allein das hochfahren hat eine Woche gedauert.” “Verstehe. Sie wollen mir also weiß machen, dass ich verschwunden bin und sie dann eine Kopie meines Bewusstseins aus irgendeiner Datenbank kopiert haben. Und diese Kopie haben sie jetzt irgendwie zum laufen gebracht und seitdem denke ich, dass ich ich bin.

“Korrekt. Ihr Körper ist immer noch verschollen. So richtig viel Hoffnung kann ich ihnen da auch nicht machen. Der einzige Grund warum wir miteinander sprechen können ist, weil das Institut für Inneres herausfinden möchte ob sie Kontakt zu ihrem Stammbewusstsein entwickeln können. Dafür ist meine Abteilung zuständig.”

“Wie heißt ihre Abteilung denn?” “CX3” “Verstehe. Und wie lange soll das ganze dauern?” Branner wunderte sich selbst über die Frage. Der ominöse Gegenüber hatte darauf keine schnelle Antwort. Um Zeit zu gewinnen legte Branner gleich noch eine Frage nach.

“Wie lang liegt mein Verschwinden denn zurück?” “Das Verschwinden ihres Stamm-Körpers ist meines Wissens auf den fünften August 2018 datiert. Heute haben wir den vierten September 2037 nach alter Zeitrechnung. Nach meinem Kalender leben wir im Jahre Vier nach der Singularität.”

In Branner flammte Interesse auf. Diese Geschichte war so absurd, dass er sie nicht ernst nehmen konnte. Auch wenn er selbst offensichtlich im Zentrum dieser Absurdität stand. Er spürte keine Emotionen, obwohl ihm jeder Satz eine halbe Welt unter den Füßen ins Nichts riss. Offensichtlich war die Welt aus der er kam untergegangen. Inklusive der Zeitrechnung an sich. Er fand aber nicht unspannend, dass diese neue Zeit offensichtlich nicht mehr auf einen Religionsstifter, sondern auf eine bahnbrechende technologische Entwicklung zurückzuführen war. Beim Gedanken an die Macht dieser Bewegung, die offensichtlich die Vorherrschaft der Religion besiegte zuckte eine Augenbraue. Zumindest fühlte es sich so an.

“Ich muss zugeben, dass ich ihre Geschichte sehr spannend finde. Was ich aber fast am spannendsten finde ist, dass ich ihnen aus irgendeinem Grund vertraue. Bei welcher Gelegenheit haben wir uns denn damals in Frankfurt getroffen?”

“Wir haben uns nie in Frankfurt getroffen. Aber ich kommuniziere mit der Stimme ihres Großvaters.”

“Ist das ihr Ernst?” “Herr Branner, ein Bewusstsein ist keine Blackbox. Wir können auf alles zugreifen was sie jemals sahen oder hörten oder waren oder glaubten zu sein. Aber die wirklichen Schätze liegen noch verborgen. Sie liegen in der Art wie ihr Bewusstsein Daten ausblendet. Im Grunde bestehen sie eher aus der Information die sie verdrängen als aus der Information die sie aufnehmen.”

Mir ist eindeutig die Abenteuerlust vergangen. Ein trostloseres Szenario kann ich mir schwer vorstellen. Ich fühle mich wie diese Person in 1984, deren Gesicht mit dem Rattenkäfig verbunden ist. Mit dem Unterschied, dass die Ratten schon in meinem Kopf sind und meine Erinnerungen fressen.

“Herr gib mir eine Arbeit, damit ich nicht so viel über mich nachdenken muss” spricht eine Stimme in mir und ich lausche. Irgendetwas bewegt der Satz aber ich kann nicht genau sagen was.

“Kennen sie diese Stimme Branner?” “Natürlich, es ist meine eigene oder?”

Die Stimme schweigt. Branner schließt die Augen. Vor ihm erscheint eine Art Bildschirm. Auf dem Bildschirm sieht man Branner in der Tür des Clubs der Universellen Automaten stehen. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht leise mit sich selbst.

“Frieden” sagt er “ist keine Sache einer Gruppe von Menschen. Von Frieden kann man nur sprechen, wenn er die gesamte menschliche Zivilisation betrifft. Er ist ein intersoziales System das sich als solches andauernd weiter entwickeln muss. Eine Utopie die immerfort übersetzt werden muss. In alle Zeiten und Denkarten. Es gibt keine zeitlich abgeschlossene Form davon. Frieden gibt es nur als Prozess.”

Eine zweite Person erscheint neben Branner. Es ist die Ärztin. “Ich kann ihnen nicht widersprechen Herr Branner. Ich denke aber die Sprache der Mathematik durchzieht die physische Existenz klarer und exakter als die Kommunikation mit Wörtern. In gewisser Weise ist sie die nächste Dimension. Sie ist der Ort an den alles wandern wird und… was nicht in der Lage ist zu wandern, wird zurück bleiben müssen.”

Die Ärztin verbeugt sich leicht und verschwindet aus dem Blickfeld der Kamera. Branner blickt nach oben, vorbei an der verborgenen Kamera. In seinem Kopf herrscht plötzlich eine seltsame Art von Klarheit, als hätte ihm das Gespräch mit der Ärztin seine Gedanken gewaschen. Er zittert leicht und kann sich nicht erklären weshalb. Tief in ihm bewegt sich ein Gedanke, erhebt sich ein Satz, eine monumentale Botschaft.

“Du hattest zeitlebens nur vor zwei Dingen Angst Branner: Vor Gott und vor der Mathematik. Vielleicht ist die eine Sache aber nur die Rückseite der anderen.”

Es beginnt zu regnen. Man sieht Branner noch einen Moment unter der Schwere dieser Erkenntnis stehen. Dann spuckt er in die Hecke neben der Tür und geht seines Wegs durch den Dunst.


 

Erzähler/Branner: Lukas Ullinger
Singularität/Großvater: Karlheinz Zuber
Ärztin: Mena Standhaft

Regie & Schnitt: Lukas Münich

Musik: Lauki – Gea

Untot in Gostenhof: (3) „Die große Angst“

Obwohl draußen finstere Nacht herrschte und die schweren schwarzen Vorhänge vor den beiden Fenstern sorgfältig zugezogen waren, tröpfelte von irgendwo her milchiges Zwielicht in das Schlafzimmer. Im Bett, das an der Wand stand, lagen Onkel Serban und der Schattenlose und hatten die dicken Daunendecken bis an die Nasenspitzen hochgezogen. Auch von Ida und Tante Mathilda, die sich im großen Ehebett gegenüber der einzigen Tür eng aneinander schmiegten, waren nur die Köpfe zu sehen. Alle vier schwiegen sie und starrten gebannt auf den Ziegenschädel, der über dem Türbalken an die Wand genagelt war; eine angstvolle Anspannung schwebte fast greifbar im Raum. Plötzlich ließen drei harte Schläge an der Tür die Liegenden heftig zusammen zucken. Onkel Serban riss sich zusammen und fragte mit belegter Stimme:

»Wer da?«

»Ich bin’s, Vladimir. Lasst mich hinein!« lautete die Antwort.

»Es ist offen«, rief Serban.

Ein schwarz gekleideter Mann, um dessen dürren Schädel sich ein verfilzter Haarkranz wand, trat hastig ein. Von seinem Rock rieselte leise Staub, ein intensiver Geruch nach Moder breitete sich rasch aus.

»Wo warst du so lange?« zischte Ida. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht!«

»Tut mir leid«, krächzte Großonkel Vladimir, »ich bin noch einmal eingeschlafen.«

»Wir haben keinen Platz mehr in den Betten«, jammerte Tante Mathilda. »Wo soll Vladimir bloß hin?«

»Ich setze mich einfach in den Schrank«, sagte Vladimir gelassen und verschwand lautlos in Mathildas wuchtigem Kleiderschrank.

Wieder wurde es vollkommen still im Raum, und vier Augenpaare starrten auf die gehörnte Schädelplatte über der Tür. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Mathilda es nicht mehr aushielt.

»Jedes Jahr das gleiche!« brach es aus ihr heraus. »Irgendwann ertrage ich das nicht mehr!«

»Immer mit der Ruhe«, sagte Serban und bemühte sich, seine Worte ruhig und fest klingen zu lassen. »Wir haben es bisher noch jedes Mal überlebt, und auch dieses Jahr werden wir es wieder schaffen.«

»Und wie war das damals, als ihr euch drei Tage lang in dem Sarkophag des Bischofs verstecken musstet?« fragte Ida, und in ihrer Stimme mischten sich Angst und Vorwürfe. »Als alle Einwohner des Dorfes nach euch suchten, und sie mit Fackeln in jeden Keller stiegen?«

»Weißt du, wie lange das her ist?« verteidigte sich Serban.

»Mir kommt es so vor, als wäre es gestern gewesen«, wimmerte Mathilda und zog die Decke endgültig über den Kopf.

»Und als die jungen Burschen mit Hammer und Eichenpflock über den Berg kamen, weil sie meinten, ihren Mut beweisen zu müssen?« ergänzte der Schattenlose. »Onkel Drago hatte damals unverschämtes Glück, dass sie ihm nur ein Loch in den Wams bohrten!«

In diesem Moment näherte sich auf der Straße, von den Vorhängen kaum gedämpft, das Geräusch eines Dieselmotors. Ein Auto hielt direkt vor dem Haus, zwei Türen wurden geöffnet und wieder in Schloss geworfen. Alle hielten den Atem an. Schritte waren zu hören, eine Stimme rief etwas unverständliches. Erst, als sich das Motorengeräusch längst wieder entfernt hatte und die Welt draußen wieder in tiefes Schweigen gefallen war, atmeten die vier eingemummten Gestalten vorsichtig auf.
Diesmal bracht der Schattenlose, der bisher mucksmäuschenstill seinen roten Haarschopf ins Kissen gedrückt hatte, das Schweigen.

»Verdammt! Verflixt und zugenäht«, schimpfte er.

»Das macht mich echt fertig! Da!« flüsterte Ida mit erstickter Stimme. »Sie kommen wieder! Hört ihr?«

Tatsächlich hörten alle ein schnarrendes Geräusch, dessen Ursprung sich nicht ausmachen ließ.

»Ein Motor ist das nicht«, sagte Serban.

Alle lauschten gebannt auf das Brummen, das scheinbar immer lauter wurde, je länger sie angestrengt lauschten.

»Es ist Onkel Vladimir«, verkündete auf einmal Ida. »Er schnarcht.«

»Das ist doch zum Kotzen!« murrte der Schattenlose.

»Man könnte sagen: eine einzige Speisal!« kicherte Ida.

Nach kurzer Zeit begann Mathilda, zunächst nur leise und dann immer lauter zu lachen und endlich stimmten auch Serban und der Schattenlose in den Heiterkeitsausbruch ein. Da erklang plötzlich ganz nah der Schlag einer großen Glocke. Gewaltig dröhnte die tiefe Schwingung in dem kleinen Zimmer wie in einem Resonanzboden, und abrupt verstummten die vier. Immer mehr Glocken begannen zu läuten, von überall her dröhnten die Schläge, bis die Luft förmlich Wellen schlug wie ein Blech, an dem ein Zirkushühne rüttelt. Ida und Mathilda, Serban und der Schattenlose zogen die Bettdecken über den Kopf und verharrten in angstvoller Starre. Dann, anfangs fast unmerklich, ebbte der Klang der Glocken wieder ab, nach und nach verstummten sie, bis es schließlich wieder vollkommen still in der Welt außerhalb des Zimmers war.

»Geschafft!« schrie da Ida und sprang aus dem Bett. Sie hatte komplett angekleidet unter der Decke gelegen. Aus einer der Taschen ihres schwarzen Kleides fischte sie hastig eine Zigarette und zündete sie sich an. »Wir haben es geschafft!« rief sie.

»Dem Teufel sei es gedankt!« seufzte Mathilda stand ächzend auf.

»Seht ihr«, sagte Onkel Serban und zog knirschend seine Stiefel an. »Wie ich es gesagt habe: der Ostersonntag kommt und geht, ohne dass uns jemand belästigt hätte…«

»Und Großonkel Vladimir?« fragte der Schattenlose.

»Der kann weiter im Schrank bleiben«, sagte Tante Mathilda. »Es reicht, wenn er sich morgen wieder in seinen Sarg im Keller verzieht. Wir trinken jetzt als erstes einen Likör, würde ich sagen, zur Feier des Tages den besten Blutbeerenlikör westlich der Karpaten.«


 

Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Tante Mathilda: Verena Schmidt
Der Schattenlose: Philipp Abel
Onkel Vladimir: Arthur Roscher

Regie/Schnitt:
Andreas V. Weber
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Andreas Vincent Weber: Yoko und John – Eine Liebe aus Kaltschaum

Irgendwann in Amsterdam. Ein sonniger Morgen erhellt eine Suite in einer Jugendherberge. YOKO und JOHN erwachen gerade in ihre Flitterwochen hinein. Auf dem Tagesplan stehen heute eine original Industriehafenrundfahrt und eine coole Käseverkostung. Der Wecker gibt
einen Urschrei von sich. YOKO klappt hoch und begrüßt den Tag.

Y, herzallerliebst: Hui, was für ein schöner Morgen! Da möchte ich doch mal meinen Lieben Mann aufwecken. JOOOOHN! AUFWACHÄN JETZT! WIR HABEN HEUTE VIEL VOR!

John stöhnt, schält sich aus den Federn und sieht nicht ganz so frisch aus. Sein Bocklevel ist sichtlich low.

J: Was ist denn los mein Hasenpfötchen? Wie spät ist es denn?

Y, gewaltig schreiend: HALB SIEBÄÄHN! IN NER HALBEN STUNDE GIBTS ESSEN UNTEN!

J: Ach Rohrspätzchen, können wir nicht noch ein bisschen liegen bleiben? Nur 5 Minuten? Ich kauf uns dann später ne Dose Fisch und Chips unten am Hafen, ok?

Y: JOHN! KEINE AUSREDÄN! WIR WOLLEN DOCH SIGHTSEEING MACHÄN!

J: Ja schon, aber wir können auch noch in fünf Minuten Sightseeing machen, Hurzelpurz!

Y: WIR SIND HIER IN DER SCHÖNSTEN STADT EVER UND DU WILLST PÄNNÄN? DA HAB ICH MIR JA EINEN TOLLEN MANN GEANGÄLT! AMSTERDAM HAT DEN SECHSTGRÖSSTEN INDUSTRIEHAFÄN VON DER GANZÄN WÄLT. WAS KANN DENN JETZT WICHTIGER SEIN ALS SO EINÄ. EINMALIGÄ. INDUSTRIEHAFÄNRUNDFAHRT?

J: Na, Der Weltfrieden.

Y: DER WAS?

J: Der Weltfrieden.

Y: DAS HAB ICH AKUSTISCH SCHON VERSTANDÄN! ABER WAS HAT DAS MIT DEM WELTFRIEDÄN ZU TUN, WENN DU DA RUMLIEGST?

J: Joghurtschnäuzchen, wenn überall auf der Welt jetzt gerade alle Menschen noch ein bisschen liegen bleiben würden, dann wäre immerhin schon mal fünf Minuten Weltfrieden, oder?

Y: HM DA HAST DU WOHL RÄCHT!

J, erstaunt: Ja, wirklich?

Y: JA! LEG DICH RUHIG HIN! SCHNÄLL, BEVOR SIE WIEDER BOMBEN IRGENDWO REINSCHMEISSEN! LOS, SCHLAFÄÄN!

John ist sichtlich verwundert und schüttelt den Kopf und Yoko sieht ihrem Mann dabei zu, wie ihn der Kaltschaum zufrieden schmatzend in sich aufnimmt.

[bliep]

Werbeunterbrechung: Hallo Kids! Mein Name ist Dr.Mabuse und ich bin Zahnarzt. Immer wieder werde ich gefragt, wie man seine Zähne am besten vor dem abfaulen schützt. Leider fragen das die meisten Menschen erst, wenn ihnen die – sie verzeihen mir den Ausdruck – gammeligen Stumpen schon auf halb 12 aus dem Fressbrett hängen. Tja, blöd gelaufen.
Dabei ist die Lösung so simpel wie genial: Einfach zweimal täglich Zähneputzen. Wichtige und wertvolle Gesundheitstipps wie diesen erhalten sie jede Woche in der Apothekerbeschau. Ein erhabenes Magazin, gedruckt auf echtem Papier zum anfassen und zum riechen.Apothekerbeschau: Das Magazin für die Ewigkeit. Jetzt in jeder Apotheke

[bliep]

JOHN wacht auf und muss sich schütteln. das Zimmer ist berstend voll von
Menschenmaterial. es handelt sich um ein Rudel Journalisten, die das junge Paar keck mit ihren Digitalkameras anpirschen, Immer auf der Suche nach heißen Neuigkeiten zum aktuellen Weltgeschen. Drollig!

J flüsternd zu Yoko: Wer sind diese Leute?

Y leise schreiend: DAS SIND JOURNALISTÄN, JOHN!

J: Um Himmels Willen, wieso das denn? Ist das nicht gefährlich? Sind die Stubenrein?

Y: WIR MACHÄN JÄTZT KUNST JOHN!

J: Bittewas?

Y: KUNST! JOHN!

J: Ja das hab ich akustisch schon verstanden, Schmusekätzchen. Aber was hat das alles zu
bedeuten?

Y: WIR MACHEN EIN BED IN! WIR SIND ALSO QUASI IN THE BED DRINNEN, JOHN. UM ZU PROTESTIERÄN!

John ahnt worauf das ganze hinausläuft, reibt sich die Stirn und startet sein Morgendliches Yogaprogramm. Es beginnt mit dem Sandwurm.

J: Für den Weltfrieden, stimmts?

Y GENAU! DU BIST SOOOOOOOOOO. KLUG.

Das Rudel wird immer unruhiger. Die Jungtiere lechzen nach frischem Informationen, da tritt der Alpharüde hervor und beginnt zu investigieren. Ein Verhalten, dass in dieser Jahreszeit für ältere Journalisten übrigens vollkommen natürlich ist.

Journalist: Wuff! Guten morgen die Herrschaften, Wolfram Eschenacher von der Züricher Zeitung. Sie protestieren hier also für den Frieden?

J: Ja, naja … also demonstrieren … das war mehr so ‘ne kindliche Trotzreaktion …

Journalist: sehr interessant WUFFWUFFWUFF!. Und was soll das bringen? ist das nicht ein bisschen – verzeihen sie mir den Ausdruck – arrogant von ihnen? Dass Sie denken, dass sie durch herumlümmeln WUFFWUFF wirklich etwas verändern können?

Y säuselnd: Das ist nicht arrogant, sondern antiautoritär. Wissen sie, wenn nämlich alle Menschen einfach mal länger liegen bleiben täten, dann wäre ja auch auf der ganzen welt …

Journalist: HAHAHAWUFFWUFFWUFF sind sie nicht putzig?

Das Rudel, das bisher still zugehört hat, kann sich vor Bellen nicht mehr halten. Zwei Jungtiere, die wohl Ihren Platz in der Gruppe behaupten müssen, brechen aus der Gruppe
aus.

Jungjournalist Tim: TIm von der Bento hier, wüff. Wann wird endlich gebumst bei euch?

Jungjournalist Tom: Tom von Vice, kläffkläff. Genau! Wir brauchen Content!

Ein wilder Tumult bricht los. John und Yoko verschränken ihre Arme und bleiben regungslos sitzen. Den Journalisten wird klar, dass hier nichts weiter passieren wird und sie traben aus dem Zimmer.

J: Endlich sind die weg. Naja, dann können wir jetzt ja runter zum Früh…

Y: BIST DU DOOF? DU MACHST NOCH UNSER KUNSTWERK KAPUTT! DU BLEIBST SCHÖN LIEGEN!

J: Aber ich hab Hunger

Y: NICHTS GIBTS, DIE KUNST GEHT VOR. MEINST DU, JOSEPH BEUYS HÄTTE SICH AUS SEINEN KUNSTWERKEN ERST EINMAL EIN SCHMALZBROT GEMACHT, NUR, WEIL ER EIN BISSCHEN HUNGER HATTE? NEIN HÄTTE ER NICHT! ER HAT GETAN
WAS GETAN WERDEN MUSSTE! NÄMLICH KUNST. SO!

J: Is’ ja gut mein Zitronenfalter. Dann warte ich eben noch bis … wie lange soll dieses

Kunstwerk denn überhaupt stehen?

Y: EINE WOCHÄ. UND TAGSÜBÄR KANN MAN VORBEIKOMMEN UND SICHS
ANSCHAUÄN!

J. Eine Woche? Tagsüber anschauen? Ach Rattenpups, das halte ich aber für gar keine gute …

Es klopft zurückhaltend an der Tür. Ein älterer Mann mit verschmierter Hornbrille steht im Türrahmen. Er heißt Mammut und hat einen Strauß Blumen dabei. Außerdem weint er ein bisschen, aber das tut er würdevoll.

Mammut: Ich hoffe ich störe nicht. Ich weiß, wie schwer das gerade für euch ist.

Yoko und John schweigen. Sie wüssten sowieso nicht, was sie jetzt sagen sollten. Der Mann hat offenbar seelische Schmerzen. Mammut schreitet auf das Bett zu und legt die Blumen und die Pralinen daneben.

Mammut: Ich wünsche euch, auch im Namen der Gewerkschaft, ganz ganz viel Kraft. Ihr schafft das!

Mammut nickt kurz und verschwindet möglichst schnell. Ihm war dieser Besuch offensichtlich etwas peinlich

J: Aha, und so sehen jetzt also unsere Flitterwochen aus oder was?

Da erschallen Schalmeien und ein kleiner Junge mit lustiger Frisur tritt in den Raum. Er stampft mit jedem Schritt fest auf und hat ein zusammengekniffenes Gesicht. Er denkt wohl, dass ihn diese Gesichtsartistik wütender aussehen lässt, aber unsere beiden
Friedensaktivisten deuten das als unschuldige Niedlichkeit.

J: Oh schön, ein Kind! Kinder sind unsere Zukunft! Komm doch her, kleiner Fratz!

Der Junge stapft entschlossen auf das Bett zu

Junge: So ihr beiden Spinner, jetzt steht schon auf!

J: Nanu? Ein Kunstbanause?

Y: Wie heißt du denn, Junge?

Junge: Ich bin der Präsident von den US von A!

J, kichert: Na sowas

Y: JOHN!

Junge: Halt die Fresse, du Hippiepenner! Nimm gefälligst deinen Präsidenten ernst!

J: Ich bin aber Engländer!

Junge: Mir reichts! es ist fünf vor 12 und ihr lümmelt da rum. Und ganz Amerika mit euch.

J: Ganz Amerika?

Junge: Ja, ganz Amerika! Die Wirtschaft ist am Boden! Nichts geht mehr. So traurig!

J verwirrt: Also bist du jetzt traurig oder die Wirtschaft?

Junge: Ich bin nicht hier um über Wirtschaft zu diskutieren! Fakt ist, dass Alles stillsteht, bis ihr endlich aufsteht.

Y: Aber das war doch der Sinn, das ist antiautoritärer Protest …

J: Ein Scheiß ist das! Ihr hört sofort damit auf! Ich halt jetzt so lange die Luft an, bis ihr aufsteht!

J: Nein tu das nicht! Sowas endet böse!

Der Junge hält die Luft an. Yoko und John sitzen da und schauen ihm beim Blauwerden zu. Einige Minuten vergehen bis der Junge endlich bewusstlos umfällt. Poff.

J, vergnügt: Wow, das ganze hat ja echt was gebracht! Und ich konnte tatsächlich noch fünf Minuten schlafen. Und irgendwie hat es ja doch auch ein bisschen Spaß gemacht.

Y: DAS WAR EIN VOLLER ERFOLG! LASS UNS DAS BALD MAL WIEDER MACHEN,

JOHN!

J: Wie könnte ich da nein sagen, meine kleine Schreischnauze?