Franz Walser: Den Wald verlassen

Die Struktur ist lose, offen, die Dramaturgie entspricht den Konzepten des epischen Theaters – direkte Publikumsansprache, die Dialoge sollen weniger eine Geschichte transportieren als Meinungen vermitteln und den Zuschauer zum Nachdenken und Reflektieren bringen – bin ich dieser Henry oder diese Verena?

Akt 1

Die Figuren werden Szene für Szene vorgestellt. Sie transportieren keine Geschichte, sondern entsprechen gesellschaftlichen Rollenvorstellungen.

Szene 1

Christian betritt die halbherzig als Wald dekorierte Bühne. Er wendet sich an das Publikum, stellt fest, dass er sich hier in einem Wald befindet, bleibt ruhig und sachlich, er findet es hier zwar sehr schön, jetzt reicht es ihm aber, er wird sich nun auf die Suche nach einem Weg aus dem Wald heraus machen. Er geht ab.

Szene 2

Verena betritt die Bühne, sie wirkt panisch, verstört, schreit mehr, als dass sie redet, halb in Richtung Publikum, dieser verdammte Wald macht ihr Angst, sie will hier sofort raus. Sie geht ab.

Szene 3

Henry betritt die Bühne. Er wendet sich mit großer, fast gönnerhafter Geste an das Publikum, der Mann hat offensichtlich was zu sagen. Er erklärt detailreich, dass dies ein Wald ist, was dies für ein Wald ist, dass er Immobilienmakler ist, was an diesem Job so spannend ist, und übrigens ist er hier aus freien Stücken und bereit, jedem gerne zu zeigen, wie man aus diesem Wald wieder herauskommt. Er kennt sich aus. Er geht jetzt noch ein bisschen spazieren, man soll ihn einfach rufen, wenn man eine Frage hat. Er geht ab.

Szene 4

Eine Gruppe von 5-8 Leuten läuft über die Bühne, ihre Blicke sind auf Handys und Landkarten gerichtet. Sie ignorieren das Publikum, man hört allerdings, dass sie schwer damit beschäftigt sind, heraus zu finden, wer geographisch am besten bewandert ist. Einige diskutieren auch, ob es effektiver wäre, das GPS auf nur einem Handy zu aktivieren. Sie gehen ab.

Szene 5

Anna betritt die Bühne. Sie entschuldigt sich für die Verspätung, für das Chaos, für die Dunkelheit (es ist überraschend hell für einen Wald, aber das ändert nichts für Anna), für ihre leichte Verwirrtheit, außerdem würde sie hier gerne raus, das tut ihr auch Leid, weil eigentlich wollte sie ja kommen, aber jetzt möchte sie gerne wieder gehen, blöderweise weiß sie den Weg aus dem Wald nicht, dafür bittet sie auch um Verzeihung, und dafür, dass sie jetzt weiter muss. Sie geht ab.

Akt 2

Die Figuren treffen sich, ihre Handlungen, die durch ihre Rollen geprägt werden, überschneiden sich und sorgen für Konfliktsituationen. Die zu vermittelnden Rollenbilder werden vertieft, indem die Reaktionen aufeinander gezeigt werden.

Szene 1

Verena und Anna kommen gemeinsam auf die Bühne, Verena schreit immer noch panisch. Es ist richtig anstrengend und Anna sagt ihr das auch, entschuldigt sich wortreich beim Publikum für das hysterische Geschrei, Verena schreit, dass sie die Klappe halten soll, dieser verdammte Wald! Sie gehen schreiend und sich entschuldigend ab.

Szene 2

Christian und Henry betreten die Bühne. Christian ist sichtlich genervt, Henry erklärt ihm gerade, warum die Tannen ihre Blätter nicht verlieren und dass es gar nicht Blätter heißt, sondern Nadeln. Christian will etwas sagen, aber Henry lässt ihn nicht zu Wort kommen, weil er Christian sagt, wenn Christian etwas sagen will, nur raus damit. Christian schaut kurz flehend ins Publikum, aber was soll er machen, besser als Henry kennt er den Weg aus dem Wald auch nicht. Sie gehen ab.

Szene 3

Die Gruppe kommt wieder auf die Bühne, es haben sich zwei kleine Grüppchen gebildet, sie wenden sich ans Publikum, deuten auf die jeweils andere Gruppe und beschuldigen sich gegenseitig, im Chor, der Inkompetenz. Sie gehen ab.

Akt 3

Der polarisierende Antagonist tritt alleine auf und beendet die „Vorstellungsrunde“. Es entwickelt sich so etwas wie eine Handlung oder Spannung, weil Henry alleine im Mittelpunkt steht, das Bühnenbild kontextualisiert und am Ende der Szene auf der Bühne bleibt.

Henry kommt auf die Bühne und erklärt wortreich, dass das gar kein Wald ist, sondern ein Spiegelbild der Gesellschaft und die Bäume sind die vielen Menschen, zwischen denen man sich nicht zurecht findet. Er hat Verständnis dafür, dass man das nicht sofort versteht. Nachdem das jetzt gesagt ist, kann man das Ganze jetzt abbrechen, meint er, ist ja alles nur ein Spiel und eine Bühne, hat ja Shakespeare schon gesagt. Anstatt abzugehen, setzt er sich auf den Boden und redet weiter, bleibt aber in der Waldmetapher und klärt das Publikum über Flora und Fauna des Waldes auf. Es wird dunkel.

Akt 4

Die anderen Figuren treten zu Henry und bauen die Handlung weiter aus; die Spannung, die in Akt 3 entsteht, wird kurz aufgenommen und dann fallen gelassen. Eine Publikumsansprache beendet das Stück und fordert die Zuschauer*innen indirekt dazu auf, die Rolle des Henry und dessen Wertvorstellungen in sich selbst zu suchen. Die Waldmetapher wird ironisiert, um das Publikum mit dessen Kopplung an den gesellschaftlichen Diskurs zu konfrontieren.

Henry sitzt immer noch am Boden und redet wie ein Wasserfall. Er hat alles verstanden, aber die anderen nicht. Fast niemand, eigentlich. Er versucht, alles zu erklären, scheinbar hat er nicht mehr viel Zeit. Die anderen Personen kommen auf die Bühne und umringen Henry. Sie hören ihm eine Weile zu, dann packen sie ihn – sanft, aber bestimmt – und tragen ihn, während er immer weiter redet, von der Bühne. Zurück bleibt nur Verena. Sie entschuldigt sich beim Publikum, es sei immer das selbe mit Henry, sie haben einfach noch keinen Weg gefunden, um mit ihm zurecht zu kommen, außer ihn am Ende des Stücks von der Bühne zu tragen. Es tut ihr leid, dass alles so kommen musste, aber das Stück ist jetzt leider vorbei, und ja, die Sache mit dem Wald und der Gesellschaft, da hatte Henry schon Recht. Aber das war ja auch offensichtlich.

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Franz Walser

Franz Walser hält sich für eine sehr aufregende Mischung aus Designer, Soziologe und Stubenhocker. Wenn er ehrlich zu sich ist, weiß er aber, dass das alles das Gleiche ist, fast sogar das Selbe. Außerdem ist es nicht aufregend, sondern orientierungslos. Manchmal, nach längeren ziellosen Phasen, regt er sich über Sachen sehr auf. Dann schreit er seine Tastatur an. Die reagiert wie jede anständige Tastatur und schickt trotzig ein anonym verfasstes Essay an die Pressestelle der örtlichen Jungen Union, und so entstehen Missverständnisse.

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Franz Walser bei EBMD:

Franz Walser: Erstis verteidigen

Das hier ist ein Plädoyer für Erstis. Für die Innenseiter, für die, die es bald geschafft haben werden. Ich will sie endlich nicht mehr angreifen, sondern zumindest ein Mal in Schutz nehmen. Seit Jahren zieht man über sie her, Facebook-Seiten werden gegen sie erstellt, Hetze oft großgeschrieben. Sie sind Lachnummern und wir finden es gut. Warum eigentlich? Haben wir sonst nichts, worüber wir uns lustig machen können?

Waren wir nicht alle mal Erstis? Ich zumindest schon. Dreimal sogar. Kann ich weiterempfehlen, die Straßenbahn ist kostenlos, das Alkoholproblem auch (fast) man lernt neue Leute kennen und irgendwann ist man routiniert und garnix ist mehr peinlich.

Betrachtet doch ausnahmsweise die andere Seite, ihr Lieben. Hey, es ist wirklich nicht einfach. Jahrelang von Helikoptereltern großgezogen. Maßnahmen zu jedem Dreck in der Schule, Gewaltfreie Kommunikation zu erlernen ist überhaupt das Wichtigste. Zum Essen gibt’s Grünkernküchle (alter ich werd wütend wenn ich nur dran denk nix gegen Gemüse aber im Ernst was is los manchmal) und Schnitzel von Kälbern, die bei Vollmond zu Tode gestreichelt wurden. Und alle in der SMV mitgemacht, mit Leuten, die man seit der fünften Klasse kennt, außer Johnny, der war schon im Kindergarten mit am Start. KOMM EY! Kein Wunder, dass man da im ersten Semester gar nicht zurecht kommt mit uns abgebrühten Langzeitstudierenden. Das dauert halt einen Monat oder zwei, bis das gesparte Geld von Omas Abigeschenk verballert ist und man sich zum ersten Mal für das Billigpesto entscheiden muss. Das Saufverhalten passt sich auch erst nach der dritten WG-Party an und ey, dass der AK gegen Rechts mehr die Billovariante von der Jugendantifa ist und die geilen Leute da wenig Bock drauf haben und lieber in der Pilsbar ihren Lohn aus der Kneipe versaufen – das sind Lebenserfahrungen, die brauchen Zeit, da muss man sich erstmal drauf zu entwickeln, bis man ausreichend abgestürzt ist und keine Lust mehr hat auf die ganze soziale Scheiße, weil eh alles unausweichlich den Berg runter geht. Ausgrenzung von Eingegrenzten, nennt sich das, was da betrieben wird mit den Erstis, und es gefällt mir nicht.

Apropos Mobbing gegen Menschen, die alles haben: Work’n’Travel-Kids. „Boah voll schwer wieder deutsch zu reden, ich hab voll die Wörter vergessen, like seriously!!“ Ja, da haben wir alle schon herzlich drüber gelacht; diese Vollidioten, ne, haha. Perspektivwechsel: Da hängt ein Mensch, ausgestattet mit allem, was die gehobene Mittelschicht zu bieten hat, ein Jahr in einem anderen Land ab. Da gibt es dann auch alles, was man „von daheim“ schon so kennt: Freie Wahlen, schöne Natur (Räuberhose nicht vergessen), Großstädte, fremdenfeindliche Innen- und Außenpolitik, und Google. Man kann sich wirklich nicht beklagen. Okay, Riesenspinnen und Krokodile. Sonst chillig. Nach diesem Trip kommen die Leute zurück und beherrschen ihre Muttersprache nicht mehr? Ich lache da nicht drüber, ich mache mir Sorgen.

Ich stelle das jetzt mal ganz offen in den Raum: Gehen wir auf diese Menschen zu oder grenzen wir sie aus? Wollen wir so den Weg beschreiten, den Friedrich Merz uns bereiten wird, ist das unsere Vorstellung vom schönen Leben? Wo ist sie denn, unsere Willkommenskultur? Hey Ersti, komm‘ her, ich lad‘ dich auf ’nen Fernet ein und danach erzählst du mir was von Kängurubabys. Du zahlst mir ein Pils und ich erklär‘ dir, warum die Gesellschaft nicht das Stück Dreck ist, für das du sie mit 14 gehalten hast, sondern noch viel, viel schlimmer. Wird ’ne wilde Nacht am Tresen und danach schicken wir die Selfies nur uns selber.