Die Hoteltiere

DIE HOTELTIERE machen in ihrem Gehege Musik für große und kleine Tiere.
Seit 2017 setzt das Trio auf „schrägen Deutschrock irgendwo zwischen Funk, Kraut und Anarcho“ (Nürnberger Nachrichten).
Das erste Album ›STADTGIRAFFEN‹ mit Hits wie ›Goldene Zeiten‹ und ›Čižice‹ trägt bereits deutliche Züge einer Zoopergroup.

Es komponieren und musizieren:
Didier Girafe – Gesang, Gitarre | Mario Veverka – Bassgitarre, Gesang | Johny Goldhamster – Schlagzeug, Gesang |

[foto: martin fürbringer]

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Die Hoteltiere bei EBMD:

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Akne Kid Joe: Stadt, Land, Fluss

ich bin aufgewachsen in der kleinsten stadt der welt
allen ging es gut keinem fehlte es an geld
beim kiffen am schulhof war jeder mit dabei
ingo ist heut pfarrer, tanja bei der polizei

nachts waren wir dicht, dann aßen wir uns satt
bei ali gabs den einzigen döner der stadt
heute ist ali chef von einer bar
dort treff ich alle wieder – einmal im jahr

jung und dumm dachte ich so schön wird es immer sein
mittlerweile fahre ich nur noch selten heim
in alis bar ist der rausch der gemeinsame nenner
pfarrer, bullen, faschos, bauern und penner

es wird heiß diskutiert über gott und die welt
dass man türken hasst aber alis schwester gefällt
aus den boxen dröhnen onkelz und alle stimmen ein
dorfkapelle, fußball- und schützenverein

ich sitze in der ecke und versteh das alles nicht
plötzlich setzt sich ali neben mich, der leise zu mir spricht
junge halt die ohren steif, so ist das hier am land
bauern, bullen, nazis, alle hand in hand

das ist alles paradox, doch man muss es nicht verstehn
wenn selbst dorffaschos zu einem türken in die kneipe gehn
warnend schenkt er mir noch einen obstler ein
bitte mach kein stress, sonst fängst du dir eine ein

aufm land – sind die flüsse sauber und du schwimmst im see
aufm land – wählt man CSU oder AfD
aufm land – ist man stolz auf das was man hier hat
aufm land – knallt man bruno den problembär einfach ab

nach dem zivi suchte ich das glück in einer stadt
das leben als landei hatte ich schon lange satt
meine eltern hatte ich als provinziell kritisiert
meine eltern haben mir mein studium finanziert

jeden abend subkultur, punkkonzert und DIY
3 tage durchgefeiert, lucy in the sky
nachts sind wir dicht, dann essen wir uns satt
endlich gibt es tausend dönerläden in der stadt

jung und dumm denke ich so schön wird es immer sein
tausend gute freunde, toleranz und feierei
solidarität ist der gemeinsame nenner
schmeiß die fuffies durch den club doch geb mein letztes geld nem penner

gott ist tot, wir diskutieren über die welt
wir sind uns alle einig, dass es uns hier gefällt
aus den boxen dröhnen rachut, pascow und slime
deutschland verrecke, alle stimmen ein

doch spätestens seit der letzten bundestagswahl
weiß ich die welt endet nicht in meinem stammlokal
ernüchtert aufgrund meiner naivität
verliere ich den glauben an solidarität

jenseits meiner blase, in der ich mit allen einig bin
gibt es tausend blasen die mega assi sind
nix mit toleranz, moral und feierei
und wenn die punker zu laut sind, rufst du die polizei

in der stadt – gibt es tausend dörfer, alle sind sich fremd
in der stadt – klau ich dir nachts dein letztes hemd
in der stadt – ist man stolz auf das was man hier hat
in der stadt – knallt der NSU einen menschen ab


Lyrik:

Lyrics:

https://aknekidjoe.bandcamp.com/track/stadt-land-fluss

Sarah Grodd

Sarah Grodd hat seit 1990 den Osten Deutschlands abgegrast und ist nun in Nürnberg heimelig geworden. Schon als Kind haben sie die Werbeblöcke im Fernsehen in den Bann gezogen, so war es ein ganz natürlicher Schritt, das Fernsehen im weitesten Sinne zum Beruf zu machen. Doch ihre eigentliche Passion: Musik. Die hat sie bereits bei diversen Radios und kulturellen Kollektiven ausgelebt. Mittlerweile bei Radio Z und dem Blog How Deep Is Your Love untergebracht, schreibt und spricht sie über alles, was mit Musik zu tun hat.

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Andreya Casablanca

Andreya Casablanca spielt bei der Band „Gurr“, performt solo als „Doris“, schreibt gerne, liest gerne, macht gerne Fotos und bündelt das in verschiedenen kreativen Projekten. Geboren und aufgewachsen in Nürnberg und Fürth, hat sie ihren Lebensmittelpunkt seit Jahren in Berlin.

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Andreya Casablanca bei EBMD:

Immanuel Reinschlüssel

Immanuel Rouven Reinschlüssel (geboren am 5. März 1985 in Nürnberg) hat Politologie studiert und schreibt, seit es das Leben notwendig gemacht hat. Seine Texte erzählen in den leisesten und lautesten Tonlagen vom Unglaublichen, vom Zwischenmenschlichen und von der Flucht nach Innen. Seit zehn Jahren bildet der Fürther gemeinsam mit seinem Schulfreund Robert Segel das Autorenduo „Die Schaffenskrise“. Neben diversen Veröffentlichungen in Anthologien und Auszeichnungen veröffentlichte Immanuel Rouven Reinschlüssel mit der Schaffenskrise im Eigenverlag zwei Lyrikbände, ein Hörbuch sowie zwei Kurzgeschichtenbände. Neben dem Schreiben sitzt er gerne auf Parkbänken und beobachtet Schildkröten. Immanuel Reinschlüssel ist ganz ok. Er lacht oft alleine. Immanuel Reinschlüssel mag Tiere, Flughäfen und Schnitzel.

Franz Walser

Franz Walser hält sich für eine sehr aufregende Mischung aus Designer, Soziologe und Stubenhocker. Wenn er ehrlich zu sich ist, weiß er aber, dass das alles das Gleiche ist, fast sogar das Selbe. Außerdem ist es nicht aufregend, sondern orientierungslos. Manchmal, nach längeren ziellosen Phasen, regt er sich über Sachen sehr auf. Dann schreit er seine Tastatur an. Die reagiert wie jede anständige Tastatur und schickt trotzig ein anonym verfasstes Essay an die Pressestelle der örtlichen Jungen Union, und so entstehen Missverständnisse.

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Matt S. Bakausky: Spiel, Satz und…

Meine Mutter nahm einen Zug von ihrer Movie, aschte ab und sagte „Vom nächtelangen Zocken vor dem TV bekommst du noch viereckige Augen!“
Ich hielt das zu diesem Zeitpunkt noch für einen dummen Spruch. Ich betrachtete meinen Augen dennoch vorsichtshalber von nun an intensiv beim morgendlichen Zähneputzen im Spiegel – war nicht schon eine winzige kleine Vereckung wahrnehmbar?
Ich zweifelte immer noch an dieser Behauptung, hielt sie für einen mütterlichen Satz zu Erziehung, in der selben Liga wie „Wenn du eine Grimasse schneidest, bleibt dein Gesicht so“, „Wenn du deinen Teller nicht auf isst, regnet es morgen“ oder „Rauchen ist tödlich“.

Zwanzig Jahre und viele Konsolengenerationen später traue ich mich tagsüber nur noch mit Sonnenbrille aus dem Haus – denn sonst zeigen die Kinder mit ihren kleinen Fingern auf mich und sagen zu ihren Müttern: „Guck mal Mama, der Mann hat aber komische Augen“.
Zähneputzen um Zähneputzen konnte ich die fortschreitende Vereckung meiner Augen betrachten. Bis ich irgendwann alle Spiegel abgehängt habe.
Ein Augenarzt inspizierte meine Augen ungläubig: „Interessante Deformierung der Augäpfel“. Er stellte Fragen und schlug mir letztendlich vor meine Augen für die Wissenschaft zur Verfügung zu stellen – nach meinem Tod selbstverständlich.

Frauen gab es in meinem Leben neben meiner Mutter – im Beziehungssinne – nur kurzzeitig. Also solange bis sie meine Augen sahen.
Meine Mutter nahm einen Zug von ihrer Movie, aschte ab und sagte: „Wahre Schönheit kommt von Innen.“ Einen Satz den man zum Aufmuntern sagt, wie „Die ersten werden die letzten sein“, „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ oder „Nur die Besten sterben jung“. Doch ich war verzweifelt. Naja, außerdem hatten die Sätze meiner Mutter schon sowas Orakelhaftes an sich.

Ich versuchte also meinen Blick für die wahre Schönheit zu schärfen. Da ich nicht wusste was dieses Innen von mir eigentlich ist, besuchte ich einen Psychologen. Dieser behandelte mich wegen meiner Minderwertigkeitskomplexe aufgrund der viereckigen Augen.
Wohl um mich aufzuheitern erzählte mir Dr. Schrank von seinen eigenen Minderwertigkeitsgefühlen aufgrund seines kleinen Geschlechtsteils. Das wollte ich gar nicht wissen. Von nun an trug ich nicht nur eine Sonnenbrille, sondern polsterte meine Hose aus, wenn ich das Haus verließ.

Mir war nun bewusst, dass viereckige Augen nicht das einzige körperliche Manko von mir war. Meine Mutter nahm einen Zug von ihrer Movie, aschte ab und sagte: „Es kommt nicht auf die Größe des Werkzeugs an, sondern darauf wie man es bedient!“ „Woher zur Hölle willst du das wissen?!“, fauchte ich sie an.
Sie wurde still und wir redeten wochenlang nicht mehr miteinander.

Dann bekam ich einen Brief von ihr. Sie schrieb sie wäre beim Arzt gewesen. Weil sie Blut hustete. Krebs in der Lunge. Wenige Wochen zu leben. Tränen kullerten aus den Ecken meiner Augen.
Ich verbrachte die nächsten Wochen bei meiner Mutter im Krankenhaus, zockte immer seltener. Bis ich irgendwann die Konsole gar nicht mehr startete.

Dann Nachts wurde ich vom Telefonklingeln geweckt. Ich solle ins Krankenhaus kommen. Als ich im Taxi saß merkte ich bei einem sporadischen Blick in den Rückspiegel, dass ich in der Eile meine Sonnenbrille vergessen hatte. Ich verdeckte schnell panisch meine Augen. „Alles gut bei Ihnen?“, fragte mich die Fahrerin.
Ich schob die Hände beiseite und schaute in meinen ausgepolsterten Schoß. Als ich aus Versehen wieder in den Spiegel schaute traute ich meinen Augen nicht. Sie sahen irgendwie normal aus.

Im Krankenhaus lag meine Mutter im Sterben. Als sie die Augen öffnete sah sie in meine nicht mehr eckigen Augen und lächelte. Sie nahm einen letzten Atemzug und sagte: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“.