Arabella Block: Spielanleitung für Helden

Jeder bekommt eine Spielfigur.

Du musst eine Farbe anmelden,
sonst gibt es keine Helden.
Sonst singen sie nicht. Singen wie die Kiebitze.
Dazu muss es Seiten geben. Mindestens zwei muss es geben.
Hat etwas Seiten im Leben,
dann singen sie wieder, singen die Lieder
von richtig und falsch.

„Der Held liegt im Auge des Betrachters, doch er schert sich nicht drum.“


Wähl deine Seite und zieh.

Wähle Schwarz oder Weiß!
Nicht Feldgrau oder braun wie das Vieh.
Helden stehen nicht an Übergängen,
nicht an sanften Hängen,
selten im Morgengrauen und im Abenddämmer nie.
Sie stehen High Noon. Schattenlos.
Ohne den Schatten eines Zweifels, bloß
im Rücken und die festumwallte Burg.

„Der Helden steht immer am Abgrund, den er sich selbst gegraben hat.“

Schlag deinen Gegner aus dem Feld,

Den Gegenheld.
Helden erkennt man daran,
dass sie sterben.
Helden sind niemals Erben.
Helden leben nicht lang. Helden ist deshalb nicht bang.

„Helden glauben nicht an Schicksal, sie werfen sich ihm in die eisernen Zähne.“


Leider verloren.

Reden wir nicht darüber.
Singen wir Lieder.

„Der Held geht niemals im Kreis und das immer wieder.“


Singen will ich oh Muse
,

von ciao bella ciao bella ciao.
Wir haben nichts zu verlieren, die Reihen fest geschlossen,
es klappern die morschen Knochen,
ins Moor, ins Moor.
Komm, schöner schwarzer Vogel,
komm Kiebitz, sing mir das Lied,
es ist immer das Lied vom Tod.

Das Leben spuckt Helden wieder aus,
Das Leben spielt immer remis.
Nur der Held wird zerkaut und durchverdaut.
Das Richtige tut man einmal oder nie.

Dann vergeht dem Kiebitz das Pfeifen.

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Angelika Jodl: 鴛鴦 (Mandarinente)

Durch den Frost im Winter war der Boden gut vorbereitet. Als Lai Fang Lei ihn mit der Harke bearbeitete, fiel die Erde in schwarzen Brocken auseinander. Regenwürmer wanden sich auf den Klumpen. Seine Familie besaß noch mehr Ackerland am Dorfrand, heute hatte er nur die drei Mu hinter seinem Haus pflügen können. Aber Bohnen und Mais kamen sowieso erst in zwei Wochen dran.

Er legte die Hacke beiseite, holte das große Sieb und lehnte es an den Pflaumenbaum am südlichen Ende des Ackers. Dann lud er die Schubkarre voll mit Erde, fuhr sie dicht an das Sieb und begann, die speckigen Klumpen gegen das Sieb zu werfen. Es war harte Arbeit, Lai spürte, wie ihm Schweißtropfen in die Augen rannen und legte den Kopf in den Nacken. Oberhalb seines Hauses schwang sich die Große Mauer durch die Berge, zwischen dem Mädchenturm und dem Pekingblickturm genau über der Himmelsbrücke stand reglos eine weiße Wolke.

Hier war er geboren und aufgewachsen, er kannte die Mauer so gut wie sein Haus, die restaurierten Teile ebenso wie die Wilde Mauer. Vor vier Jahren hatte er mitgeholfen, das Stück zwischen Jinshanling und Simatai auszubauen. Sie sammelten die alten Steine, rührten Mörtel an und flickten die Stellen, wo Wind und eingewachsene Bäume die Mauer geschliffen und zersprengt hatten. An einer Stelle hatte er einen Stein mit einem alten Schriftzeichen gesetzt. Es war ein besonderer Moment gewesen, obwohl weder er noch seine Kollegen das Zeichen lesen konnten. Es mochte zweitausend Jahre alt sein, wer wusste das schon. Jedes Mal wenn er Gäste auf diesen Mauerabschnitt führte, machte er kurz Halt, um seinen Stein mit dem Zeichen zu grüßen.

Letzten Monat hatte er zwei japanische Touristen über die Himmelsleiter geleitet. Die Japaner waren trainiert, sie schafften das schwierige Stück ohne dass er sich sorgen musste um sie. Harte Burschen waren das, nachts lagen die Temperaturen oben bei Null Grad, aber sie rollten ihre Schlafsäcke in einem der Türme aus, tranken heißen Tee und legten sich zum Schlafen auf den Boden, als ob sie das alle Tage täten. Am nächsten Morgen setzte sich ein Baumfalke ganz nah vor sie auf einen Giebel am Turm. Die Japaner waren begeistert und fotografierten den Vogel von allen Seiten. Sie malten mit einem Stock Schriftzeichen in die Erde, Lai verstand, dass sie in ihrer Heimat Vogelkundler waren.

Wieder belud er die Schubkarre und warf die schweren Brocken gegen das Sieb. Auf der anderen Seite hatte sich schon ein schöner Hügel feinkrümeliger Erde gebildet. Noch eine Stunde, dann konnte er sie ausbringen und Furchen für die Samen ziehen.

Um diese Uhrzeit war seine Frau noch im Innenhof beschäftigt, reinigte den Backofen und bereitete die Mittagsmahlzeit zu. Demnächst käme sie heraus, um ihm beim Einbringen der Zwiebelsaat zu helfen, dann würden sie sich in den Hof setzen und Reis mit Gemüse essen, das war die gewohnte Reihenfolge. An jedem anderen Tag hätte Lai sich darauf gefreut, aber heute wäre es ihm lieber gewesen, die Frau bliebe im Haus. Bestimmt würde sie ihn nach dem Moped fragen, das seit gestern Abend nicht mehr im Schuppen stand, die Rede würde weiter auf den Abend kommen, auf ihren Bruder, auf das Mahjong Spiel und bei jeder ihrer Fragen könnte er nichts anders tun als den Kopf hängen zu lassen.

Er ergriff die Schaufel und begann in großen Schwüngen die Erde auf dem Acker zu verteilen. Die abgetrockneten, helleren Krümel legten sich als feine Schicht über den dunkleren Grund. Der Schweiß rann ihm in die Augen, er legte den Kopf in den Nacken und fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn. Vom Hof her hörte er ein leichtes Klappern. Die Frau kam heraus. Schweigend nahm sie den Rechen und begann vom Nordende des Ackers her Furchen zu ziehen. Sie arbeitete in raschem Rhythmus. Lai beschleunigte seine Würfe.

An der Westseite grenzte sein Acker an den des Nachbarn, immer noch wucherte da das Unkraut. Zwischen den Grasbüscheln tauchte die schwarze Katze des Nachbarn auf. Lai mochte beide nicht, die Katze und den Nachbarn. Leise wie ein Dieb schlich sie herbei, hielt an mit erhobener Pfote, dann betrat sie sein Feld und begann in der frisch ausgebrachten Erde zu scharren. Lai klatschte in die Hände, um sie zu vertreiben, er wusste, was sie vorhatte. Später, wenn erst die Zwiebelsamen gesetzt waren, käme sie noch einmal und würde alle ausgraben. Ausgiebig scharrte die Katze weiter. Lai bellte wie ein Hund, sie hielt kurz inne, dann scharrte sie noch emsiger.

„Gaiside, mao!“, schrie Lai – Geh zum Teufel, Katze! – er sah sich nach einem Stein um, den er nach ihr werfen könnte.

In dem Moment erschien der Nachbar auf seinem Grund. Offenbar hatte er gerade zu Mittag gegessen. Er hielt ein Teeglas in der einen Hand, in der anderen ein Stück Zuckerrohr, an dem er nagte.

„Nimm deine Katze mit!“, rief Lai ihm zu. „Sie macht mir die Arbeit hier kaputt.“

Der Nachbar ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Gestern war Versammlung im Dorf“, erklärte er. Er schnaufte wichtig. „Parteikader Liu war hier. Aus Beijing. Er ist mit einem Auto gekommen.“

Die Katze saß gesittet mitten auf dem Acker. Lai beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Er war entschlossen, sie zu verjagen, sobald sie wieder anfing zu scharren.

„Es ist so“, sagte der Nachbar, „dass Parteikader Liu dann noch in meinem Haus etwas gegessen hat. Wir sind so miteinander.“ Teeglas in der einen Hand, Zuckerrohr in der anderen, spreizte er seine beiden Zeigefinger ab, um sie aneinander zu klopfen. „Schnaps haben wir auch zusammen getrunken, der Herr Liu und ich.“ Vergnügt lutschte er weiter an seinem Zuckerrohr.

Ohne zu antworten, warf Lai weiter Erde auf den Boden.

„Ich habe über viele Dinge gesprochen mit dem Parteikader Liu. Er hört auf mich, weißt du?“

Die Katze erhob sich und machte einen Buckel. Lai bückte sich, hob den Stein vor seinem Fuß auf und zielte.

„He! Lass meine Katze in Ruhe, Lao Lai!“, schrie der Nachbar. Lai pfefferte den Stein direkt neben sie. Zielen konnte er, etliche Wildkaninchen hatte er schon auf diese Weise getötet. Entsetzt floh die Katze zurück zu ihren Grasbüscheln. Leise schimpfend trat auch der Nachbar den Rückzug an.

Die Arbeit war beendet. Schweigend ging Lai neben seiner Frau in den Hof und setzte sich auf den Boden. Auf dem niedrigen Holztisch vor ihm dampfte in einer Blechschüssel der Reis. Er ergriff seine Stäbchen. Hastig schaufelte er sich Reis in den Mund. Die Frau stellte drei Teller auf das Tischchen. Gestocktes Ei mit Zwiebeln und Spinat mit Erdnüssen und Trockenchili. Zwei Teller frisch gekochter Speisen und einer mit rohem Lauch und Paprika. Normalerweise gab es zum mittäglichen Reis nur die Reste vom Abendessen zuvor. Voll schlechtem Gewissen rupfte er sich ein Stück aus dem flaumigen Eierstich und schlang es hinunter.

„Laopo – ehrwürdiges Weib“, sagte er, „ich muss dir etwas sagen.“

Die Frau aß schweigend ihren Reis.

„Gestern Abend habe ich mit deinem Bruder Mahjong gespielt. Wir haben Reisschnaps getrunken.“ Hatte sie verstanden, was als nächstes käme?

„Das Moped“, sagte Lai mühsam, er spürte, dass sein Gesicht dunkler wurde, „das Moped ist leider kaputtgegangen. Es hängt in einem Baum auf der Straße zu unserem Haus.“

Seine Frau stand auf und ging ins Haus.

Ängstlich sah er ihr hinterher. Es gab Frauen in der Nachbarschaft, das wusste er, die waren wie Tiger, verprügelten ihre Männer bei geringeren Anlässen mit dem Besen. Den Nachbarn, der sich mit dem Parteikader so wichtigmachte, hatte er schon ein paar Mal laut schreien hören.

Sie kam zurück. In der Hand hielt sie die Teekanne und zwei Gläser. Sie stellte sie auf den Tisch und goss heißen Tee ein. „Mann“, sagte sie, „ich möchte dir einen Rat geben.“

Er wagte nicht, sie anzuschauen, starrte auf das Geschirr.

„Du sollst nicht mit dem Moped fahren, wenn du Reisschnaps getrunken hast.“

Jetzt konnte er sein Gesicht wieder zeigen. Er glaubte fast nicht, was er da hörte. Kein Schimpfen? Kein Geschrei? „Ich hole das Moped heute Nachmittag“, versprach er. O, wie war er dankbar für diese Frau! Er hatte die beste bekommen, eine Fleißige war sie, einen Sohn hatte sie ihm geboren und sanft war sie auch noch! Einen goldenen Ziegel hielt er in den Händen mit dieser Frau! Lai Fang Lei, Bauer an der Großen Mauer, schlürfte seinen Tee voller Genuss. Gleich am Nachmittag würde er das Motorrad holen und zusehen, ob er es flicken konnte.

In Ruhe aß er nun Reis, Ei, Spinat, er trank heißen Tee und genoss den Anblick seines Hofs. Was hätte wohl die Frau des Nachbarn mit ihrem Mann gemacht? Hinter dem Anwesen rauschten die Bambusblätter, aus dem Koben grunzte das Schwein. Alles war, wie es sein sollte.

Markus Nondorf: Der Tod kommt zum Kaffee

A: Guten Morgen! G U T E N Morgen!
B: Wie, was, schon aufstehen?
A: Ob das noch nötig sein wird, ist die Frage.
B: Wer bist Du, äh ich meine, wer sind Sie? Und was wollen Sie von mir?
A: Ich denke , wir können ruhig beim Du bleiben!
B: Ah, ja, gut, dann, wer bist du, ich meine, wie heißen Sie?
A: Du, wie heißt Du, wir waren beim Du.
B: Ja, gut, also wie heißt DU?
A: Das kannst Du dir aussuchen.
B: Häh?
A: Naja, wenn man sich sein Schicksal schon nicht selber aussuchen kann, so darf man es doch wenigstens selbst benennen. Du bist also völlig frei ihr einen Namen deiner Wahl zu geben. Du darfst mich nennen, wie du willst?
B: Auch Rumpelstilzchen?
A: Auch Rumpelstilzchen! Wenn Du das unbedingt möchtest, aber wir sind hier nicht bei den Gebrüdern Grimm, sondern in der Gertrudstrasse beim Weltuntergang.
B: Beim was?
A: Beim Weltuntergang, oder was dachtest Du, warum ich hier bin? Um dein Geschirr
abzuwaschen sicher nicht, obwohl mir das durchaus als notwendig erschiene.
B: Gut, du könntest auch das Bad putzen!
A: Die Zeit für schlechte Scherze schwindet schleunig. Und ein blitzendes Bad ist jetzt auch nicht mehr von Belang.
B: Also, du willst weder Geschirr spülen noch Bad putzen, ich nehme daher nicht an, dass du dich als Haushaltshilfe bewerben möchtest. Was also ist dein Begehr, was kann ich für dich tun?
A: Du könntest es mir Lichter machen und ohne Fragen zu stellen und ohne Spirenzchen zu machen mit mir kommen. Das tun nämlich die wenigsten.
B: Wohin?
A: Mist!
B: Was?
A: Jetzt hast Du schon die erste Frage gestellt.
B: Ja und?
A: Na ich sagte doch grade, dass es sehr nett von dir wäre, keine. Zu stellen, und dass du dann zu einem kleinen elitären Zirkel, dem Zirkel der Fraglosen, gehörtest.
B: Das mit dem Zirkel hast du nicht gesagt. Und außerdem hab ich ich dich vorhin schon nach deinem Namen gefragt.
A: Ja, aber das zählt nicht! Nach dem Namen fragen alle, auch die Fraglosen. Und außerdem musst du ihn dir ja sowieso selbst aussuchen. Das gehört zum Spiel dazu.
B: Welches Spiel?
A: Wie man halt so sagt, das gehört zum Spiel, oder das ist des Pudels Kern, oder die Axt im Haus…
B: Willst du mich jetzt foppen oder was? Wird das hier ein lustiges Zitateraten ? Hast du mich deswegen geweckt?
A: Nein, ich habe dich geweckt, weil in den nächsten Stunden, Minuten oder Sekunden der Weltuntergang stattfindet. Und somit musst auch Du mit!
B: Ich? Mit? Zum Weltuntergang? Ne ne, meine Liebe, ich bleib schön zu Haus. Ich hab extra frische Garnelen eingekauft, die gibt es nachher mit Knoblauchsahnesosse und einem herrlichen Pinot Grigio. Und wenn du nett bist, geb ich dir auch gern ein Tellerchen ab. Mit frischem Parmeggiano!
A: Du glaubst doch wohl nicht dass ich mich bestechen lasse! Der Trick funktioniert seit dem Brandner Kaspar nicht mehr. Ausserdem mag ich kein Knoblauch.
B: Ertappt: du bist ein Vampir.
A: Haha! Hier, siehst du?
B: Was?
A: Hgrrrr….schon wieder eine Frage! Aber nein, guck doch, keine spitzen Eckzähne, im Gegenteil ein Spitzengebiss, sozusagen makellos! Ich rieche nur nicht gern danach. Schließlich muss ich ja auch Männer abholen. Und die versuchen vorher immer noch zu flirten. Und da hilft es, wenn man nicht schlecht riecht- Hhhhhhhh…..siehst du? Äh riechst du?
B: Ich rieche nichts!
A: Eben! So muss es sein. Kein Mundgeruch! Das schafft Vertrauen, hast du Vertrauen?
B: Ich kenn dich ja noch gar nicht wirklich, erst seit ein paar Minuten und seitdem redest du auch nur merkwürdiges Zeug. Und ich weiß immer noch nicht, wie du eigentlich heißt!
A: Ich sagte doch: wie du willst.
B: Wie jetzt? Die heißt: Wieduwillst? Komischer Name.
A: Ich heiße wie DU willst, oder wie du möchtest, oder wie du es gern hättest, dir du wünschst, wie man halt so sagt! Also: verdammt nochmal! Entschuldigung. Ich soll eigentlich nicht fluchen, aber damit wir hier endlich weiterkommen: such dir gefälligst einen Namen aus für mich!
B: Na gut, ich nenne dich….ich nenne dich….achneeee , hast du denn keinen eigenen Taufnamen? Was steht denn in deiner Geburtsurkunde?
A: Ich bin nicht geboren.
B: Wie was? Nicht geboren? Aber du musst doch irgendwie auf die Welt gekommen sein. Wie hießen oder heißen denn deine Eltern?
A: Du sollst verdammt nochmal – Entschuldigung! – nicht so viele Fragen stellen. Es ist, wie es ist.
B: Und wie ist es?
A: Wie ist was?
B: Das frag ich dich.
A: Ach ja, gut…. Du musst einfach mitkommen. Wenn du deinen Tod benannt, hast, gibst du mir deine Hand, deine Seele, dein Herz und wir gehen—-
B: Wohin?
A: iiiihhh neee, schon wieder diese Frage! Jede und jeder und aber wirklich ALLE stellen diese Frage.
B: Logisch!
A: Logisch aber trotzdem sinnlos?
B: Großes Fragezeichen!
A: Weil ich es selber nicht weiß! Ich hole dich ab…und nach einer Weile gehst du allein weiter und ich bleib wieder allein zurück. Immer bleib ich allein. So und jetzt mach, bin mir einen Namen und dann gehen wir.
B: Und wenn ich dir keinen gebe?
A: Dann muss du mich einfach so nennen, wie es geschrieben steht. Gevatter oder Herr Tod oder Frau Tod oder Tod oder halt Tod.
B: DU bist der Tod?
A: Ich bin DEIN Tod. Dein ganz eigener ganz persönlicher Tod.Und heut hol ich dich ab.
B: Warum?
A: Auf diese Frage antworten wir Tode nicht..aber heute… Heute ist Weltuntergang.. Da gehen alle, die da sind.
B: Nenenneneneneeeee soooo nicht! Ich bestehe auf einen individuellen, schicksalshaften, erinnerungswürdigen, einzigartigen Tod…. Ich geh doch nicht, weil alle gehen. Nené, da musst du dir was besseres ausdenken. Von einem wahnsinnigen Liebhaber erschossen werden, das ist okay. Da geh mit, meine Liebe..aber ein Weltuntergang? Ne, das ist mir zu billig. Da mach ich nicht mit. Da kannst du dir eine Andere suchen..
A: Geht nicht! Ich bin dir dir zugeteilt ich habe 52 Jahre auf dich gewartet… Heute morgen kam die Depesche: „Abholen! Weltuntergang!“
B: Als jetzt hör mal zu, Kleine! Ich hab nicht die Absicht, irgendwo hinzugehen, wo ich nicht weiß, was mich da erwartet, nur weil irgendwer eine Depesche mit „Weltuntergang“ herausgibt. Und wieso überhaupt? Kannst dur mir wenigsten sagen, was los ist?
A: Trump!
B: Wie, „Trump“?
A: Trump ist los! Er hat die Codes geöffnet.
B: Welche Codes?
A: Für die Koffer! Mit den Knöpfen, für die Bomben. Und jetzt sitzt er da und ist im Begriff drauf zu hauen und schreit andauernd: Weil ichs kann, weil ichs kann!
B: Mir wird das alles jetzt zu blöd, ich mach mir jetzt erstmal einen Kaffee! Egal ob sich das lohnt. Du auch? Milch? Zucker?
A: Schwarz!
Ende

Untot in Gostenhof: (3) „Die große Angst“

Obwohl draußen finstere Nacht herrschte und die schweren schwarzen Vorhänge vor den beiden Fenstern sorgfältig zugezogen waren, tröpfelte von irgendwo her milchiges Zwielicht in das Schlafzimmer. Im Bett, das an der Wand stand, lagen Onkel Serban und der Schattenlose und hatten die dicken Daunendecken bis an die Nasenspitzen hochgezogen. Auch von Ida und Tante Mathilda, die sich im großen Ehebett gegenüber der einzigen Tür eng aneinander schmiegten, waren nur die Köpfe zu sehen. Alle vier schwiegen sie und starrten gebannt auf den Ziegenschädel, der über dem Türbalken an die Wand genagelt war; eine angstvolle Anspannung schwebte fast greifbar im Raum. Plötzlich ließen drei harte Schläge an der Tür die Liegenden heftig zusammen zucken. Onkel Serban riss sich zusammen und fragte mit belegter Stimme:

»Wer da?«

»Ich bin’s, Vladimir. Lasst mich hinein!« lautete die Antwort.

»Es ist offen«, rief Serban.

Ein schwarz gekleideter Mann, um dessen dürren Schädel sich ein verfilzter Haarkranz wand, trat hastig ein. Von seinem Rock rieselte leise Staub, ein intensiver Geruch nach Moder breitete sich rasch aus.

»Wo warst du so lange?« zischte Ida. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht!«

»Tut mir leid«, krächzte Großonkel Vladimir, »ich bin noch einmal eingeschlafen.«

»Wir haben keinen Platz mehr in den Betten«, jammerte Tante Mathilda. »Wo soll Vladimir bloß hin?«

»Ich setze mich einfach in den Schrank«, sagte Vladimir gelassen und verschwand lautlos in Mathildas wuchtigem Kleiderschrank.

Wieder wurde es vollkommen still im Raum, und vier Augenpaare starrten auf die gehörnte Schädelplatte über der Tür. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Mathilda es nicht mehr aushielt.

»Jedes Jahr das gleiche!« brach es aus ihr heraus. »Irgendwann ertrage ich das nicht mehr!«

»Immer mit der Ruhe«, sagte Serban und bemühte sich, seine Worte ruhig und fest klingen zu lassen. »Wir haben es bisher noch jedes Mal überlebt, und auch dieses Jahr werden wir es wieder schaffen.«

»Und wie war das damals, als ihr euch drei Tage lang in dem Sarkophag des Bischofs verstecken musstet?« fragte Ida, und in ihrer Stimme mischten sich Angst und Vorwürfe. »Als alle Einwohner des Dorfes nach euch suchten, und sie mit Fackeln in jeden Keller stiegen?«

»Weißt du, wie lange das her ist?« verteidigte sich Serban.

»Mir kommt es so vor, als wäre es gestern gewesen«, wimmerte Mathilda und zog die Decke endgültig über den Kopf.

»Und als die jungen Burschen mit Hammer und Eichenpflock über den Berg kamen, weil sie meinten, ihren Mut beweisen zu müssen?« ergänzte der Schattenlose. »Onkel Drago hatte damals unverschämtes Glück, dass sie ihm nur ein Loch in den Wams bohrten!«

In diesem Moment näherte sich auf der Straße, von den Vorhängen kaum gedämpft, das Geräusch eines Dieselmotors. Ein Auto hielt direkt vor dem Haus, zwei Türen wurden geöffnet und wieder in Schloss geworfen. Alle hielten den Atem an. Schritte waren zu hören, eine Stimme rief etwas unverständliches. Erst, als sich das Motorengeräusch längst wieder entfernt hatte und die Welt draußen wieder in tiefes Schweigen gefallen war, atmeten die vier eingemummten Gestalten vorsichtig auf.
Diesmal bracht der Schattenlose, der bisher mucksmäuschenstill seinen roten Haarschopf ins Kissen gedrückt hatte, das Schweigen.

»Verdammt! Verflixt und zugenäht«, schimpfte er.

»Das macht mich echt fertig! Da!« flüsterte Ida mit erstickter Stimme. »Sie kommen wieder! Hört ihr?«

Tatsächlich hörten alle ein schnarrendes Geräusch, dessen Ursprung sich nicht ausmachen ließ.

»Ein Motor ist das nicht«, sagte Serban.

Alle lauschten gebannt auf das Brummen, das scheinbar immer lauter wurde, je länger sie angestrengt lauschten.

»Es ist Onkel Vladimir«, verkündete auf einmal Ida. »Er schnarcht.«

»Das ist doch zum Kotzen!« murrte der Schattenlose.

»Man könnte sagen: eine einzige Speisal!« kicherte Ida.

Nach kurzer Zeit begann Mathilda, zunächst nur leise und dann immer lauter zu lachen und endlich stimmten auch Serban und der Schattenlose in den Heiterkeitsausbruch ein. Da erklang plötzlich ganz nah der Schlag einer großen Glocke. Gewaltig dröhnte die tiefe Schwingung in dem kleinen Zimmer wie in einem Resonanzboden, und abrupt verstummten die vier. Immer mehr Glocken begannen zu läuten, von überall her dröhnten die Schläge, bis die Luft förmlich Wellen schlug wie ein Blech, an dem ein Zirkushühne rüttelt. Ida und Mathilda, Serban und der Schattenlose zogen die Bettdecken über den Kopf und verharrten in angstvoller Starre. Dann, anfangs fast unmerklich, ebbte der Klang der Glocken wieder ab, nach und nach verstummten sie, bis es schließlich wieder vollkommen still in der Welt außerhalb des Zimmers war.

»Geschafft!« schrie da Ida und sprang aus dem Bett. Sie hatte komplett angekleidet unter der Decke gelegen. Aus einer der Taschen ihres schwarzen Kleides fischte sie hastig eine Zigarette und zündete sie sich an. »Wir haben es geschafft!« rief sie.

»Dem Teufel sei es gedankt!« seufzte Mathilda stand ächzend auf.

»Seht ihr«, sagte Onkel Serban und zog knirschend seine Stiefel an. »Wie ich es gesagt habe: der Ostersonntag kommt und geht, ohne dass uns jemand belästigt hätte…«

»Und Großonkel Vladimir?« fragte der Schattenlose.

»Der kann weiter im Schrank bleiben«, sagte Tante Mathilda. »Es reicht, wenn er sich morgen wieder in seinen Sarg im Keller verzieht. Wir trinken jetzt als erstes einen Likör, würde ich sagen, zur Feier des Tages den besten Blutbeerenlikör westlich der Karpaten.«


 

Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Tante Mathilda: Verena Schmidt
Der Schattenlose: Philipp Abel
Onkel Vladimir: Arthur Roscher

Regie/Schnitt:
Andreas V. Weber
Titelmusik:
Andreas V. Weber

Diana Ruhe: Dann bleibe ich liegen

Einatmen
Ausatmen
Die Schwerkraft drückt mich auf das Laken
Die Decke speichert meine Wärme

Ich muss nur atmen
Ich atme und schaue an die weiße Decke über mir
Die Decke ist nicht der Himmel
Die Decke ist kalt
Leblos
Aber die Wände verletzen mich nicht
Sie schützen mich, vermeintlich

Manchmal öffnet sich in meinem Leben ein Loch
Und dann zieht es mich an diesen Ort
Dass hier auch Andere waren
Erscheint mir unwirklich

An manchen Tagen bin ich gerne verkatert
Damit ich den ganzen Tag hier sein kann
Manchmal werden meine Lider schwer
Ohne Grund, nein, weil sich die Aufgaben türmen

Nichts zu tun, keine Erwartungen
Entspannung
Bis mein Rücken vom Stillstand schmerzt
Und ich aufstehe, oder dann liegen bleibe

Elmar Tannert: Fränkische Gastlichkeit

Das Bett ist bekanntlich ein Ort verschiedenster Lustbarkeiten. Eine davon ist das Frühstück. Ja, im Bett wollten wir frühstücken, die Geliebte und ich, im Bett unseres mittelfränkischen Kleinstadthotelzimmers, wohinein die Morgensonne Wärme und strahlend Licht sandte. „Geh in den Frühstücksraum!“ gurrte die Geliebte mir ins Ohr, „und jag uns ein Frühstück, mein Held!“ – „Ja, mit Gottes Hilfe!“ sagte ich, frisierte mich mit einer Handvoll Leitungswasser, streifte Hemd und Hose über und machte mich tapfer auf den langen Weg zum Frühstücksraum, am anderen Ende des Korridors gelegen. Dort, in bedrohlichem Halbdunkel, wachte die Wirtin strengen Blicks über ihr Sortiment aus Semmeln, Aufschnitt und Marmelade.

Fröhlich wünschte ich ihr einen guten Morgen, und bestimmt habe sie nichts dagegen, wenn man sich ein Frühstück aufs Zimmer nehme.

Da musterte sie mich wie einen unartigen Buben und sagte, sie habe aber das Buffet extra so schön aufgebaut.

„Ihr Buffet“, sagte ich, „ist wirklich wunderschön. Aber noch viel schöner ist das Zimmer, das Sie uns zugedacht haben – wie dort die Sonne zum Fenster hereinlacht! Deshalb würden wir mit großer – Sie ahnen gar nicht, mit wie großer! – Freude im Bett frühstücken.“

Die Wirtin atmete tief durch, und ihre Stirnfalten verkündeten Unheil.

„Sie werden damit gar keine Mühe haben“, versicherte ich eilends. „Ich selbst werde das Tablett mit all den guten Dingen füllen und eigenhändig aufs Zimmer bringen.“

Ihr Gesicht verfärbte sich, ihre Miene wurde düster. „Nein. Das ist nicht erlaubt.“

„Sie sind die Wirtin!“ sagte ich. „Sie können es erlauben!“

Aber sie erlaubte nicht.

Geknickt meldete ich der Geliebten die verlorene Schlacht. Als wir gemeinsam im Frühstücksraum Platz nahmen, servierte uns die Wirtin den Kaffee mit dem Charme eines Getränkeautomaten, und wir nahmen unsere erste Tagesmahlzeit gemäß § 5 Absatz 2 der fränkischen Hotelfrühstücksverordnung zu uns, diszipliniert und unter Aufsicht.

Reisender, merk: Franken ist nicht romantisch, sondern protestantisch. Wenn du dir mit der Dame deines Herzens ein Zimmer nimmst – erkundige dich vorab an der Rezeption, ob man bereit ist, euch eine der elementarsten Freuden des Lebens zu gönnen: Ein Frühstück im Bett. Sonst hast du die Rechnung ohne die Wirtin gemacht.

Arabella Block: Warum das Säugetier erfreulich ist

Das Säugetier
hat zwei bis vier
gut mit Milch gefüllte Zitzen
die an Brust und Bäuchen sitzen
um die Jungen zu ernähren
welche anders hilflos wären.

Blieb der Umstand rein privat
wäre dieses jammerschad
denn bei Ziegen, Schafen, Rindern
nützt er nicht nur deren Kindern
– also Zicklein, Kälbern, Lämmern –
nein, dem Menschen tat es dämmern.

dass Milch ja nur der Anfang ist
für jemand, der gern Pudding frisst
oder  Joghurt, Sahne, Butter
oder als Gourmetsches Futter:
Brie und Harzer, Romadur,
St. Agur und Feta pur.

Wenn das nur Geiß, Kalb, Lämmlein äße –
wär doch Käse.